Kino immer anders

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Mitten im Strassenverkehr Mumbais, nachts. Es ist laut, das Bild ruckelt, wenn das Auto auf dem kaputten Strassenbelag hin- und her wackelt, während es sich langsam seinen Weg zwischen Autos, Motorrädern und Fussgängern hindurch bahnt. Durch das offene Autofenster verschwimmen unzählige Geräusche, zum Strassenlärm, in den sich leise ein Lied eines Bollywoodfilms mischt. Als einzige ruhige Oase inmitten dieses Chaos offenbart sich das „Alfred Talkies“. In dessen zweistöckigen Kinosaal drängen sich dicht an dicht gepolsterte, durchgesessene Stühle und an der Decke dreht sich verheissungsvoll ein ganzer Schwarm von Ventilatoren.

Ins Kino gehen all jene Menschen, die eine Pause von draussen brauchen, ob alt jung oder Kinder. Ein Eis essen, schlafen oder gebannt auf die Leinwand schauen, im Kinosaal ist Platz dafür, denn die Zeit steht dort still.

Im gesamten Betrieb des „Alfred Talkies“ scheint die Zeit stillzustehen. Filme werden ab Filmrollen gezeigt, die sich hoch stapeln und in riesige Projektoren eingelegt werden müssen. Das Plakat, das die Fassade des Kinos ziert, wird in langer Handarbeit im kinoeigenen Atelier gemalt. Alle, die in diesem zweistöckigen Haus mit den grossen ornamentierten Fenstern, das zwischen den Wolkenkratzern verschwindet, arbeiten, bieten der Modernisierung, der hektischen und dreckigen Strassen, dem Alltag die Stirn. Die bunten Farben des Plakates trotzen dem Smog, der über der Stadt liegt und tragen den Kinozauber, vom hell erleuchteten Atelier nach draussen, auf die oft nachts gezeigten Strassen. Der Strassenlärm, der draussen Tag und Nacht herrscht, ist im Atelier der Maler nur gedämpft, als leise Ahnung der existierenden Aussenwelt zu hören.

Mit Handkamera-Bildern bleibt er nahe bei den Menschen und fängt die Stimmung dieser Gemeinschaft von letzten Widerständlern ein. Er gibt ihnen eine Stimme, um von den glorreichen Tagen des Kinos zu erzählen, von ihren Ängsten für die Zukunft, und fängt die unterschiedlichen persönlichen Gründe ein, wieso die Mitarbeiter, vom Plakatmaler, zum Manager und der Inhaberin, trotz der Anstrengungen, für ihr Kino kämpfen. Die Dokumentation zeigt wie sie alle täglich um die verbliebenen Zuschauer bangen und verzweifelt Zahlen hin und her schieben. Gleichzeitig sieht man auch, wie sie einander beistehen und sich gegenseitig helfen diese Zeit zu überstehen. „Origina Copy“ nimmt sich viel Zeit, die Stimmung und die Langsamkeit, die im Kino im Gegensatz zur Hektik draussen vorherrscht, einzufangen. So hat der Film wenig gemeinsam mit den actionreichen Bollywoodfilmen, die im „Alfred Talkies“ gezeigt werden, sondern schafft ein einfühlsames Portrait dieser Menschen und des Kinos, die miteinander verschmelzen.

Der Film nimmt uns hinter die Fassade des Kinos mit, indem er die Leute beobachtet, die ihr Leben in seinen Dienst stellen. Der Film fängt die Liebe zum Kino ein, die soviel des Zaubers der Traumindustrie ausmacht und ist eine Liebeserklärung an das alte Kino: als die Filmlänge noch in Metern angegeben wurde, das Kino eine Welt fernab des Alltags war, das man Talkies nannte.

Hélène Hüsler


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