Kino immer anders

DER-GESCHMACK-DER-KIRSCHE

Mr. Baadi hat entschieden, sich umzubringen und fährt auf der Suche nach einem Totengräber durch das spätherbstliche Teheran. Dies soll zum Inhalt genügen, denn Abbas Kiarostami hat seinen Film vom klassischen Erzählmuster befreit. Als Zuschauer sitzt man, das Geschehen nachdenklich betrachtend, mit Mr. Baadi im Auto und nimmt an dessen letzter Suche Teil.

Der Geschmack der Kirsche ist ein intellektueller und poetischer Film, der kulturunabhängig und zeitlos über das Leben philosophiert. Was ist ein Mensch? An was glaubt er? Diese Fragen stellen sich auch, wenn nur noch der Wunsch übrig ist, mit Erde bedeckt zu werden. In den Erdhügeln von Teheran finden sie ihren Ausdruck: Die Erde als Symbol des Lebens, doch auch als letzte Ruhestätte, in der wir wieder eins mit ihr werden.

Der Regisseur Kiarostami sucht und findet seine Absolution im filmischen Minimalismus. Durch diesen Stil bricht eine reine und unverfälschte Wirklichkeit in diese letzte Reise hinein – ganz banal, wie der Geschmack einer Kirsche.

Marc Frei


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