Kino immer anders


16 Jahre nach dem Erscheinen des, besonders unter Kiffern zum Kultfilm gewordenen Films Lammbock – Alles in Handarbeit erscheint nun die Fortsetzung: Lommbock. Es ist natürlich immer ein großes Risiko eine Fortsetzung eines Films zu wagen, der Kultstatus erreicht hat, zumal in diesem Fall die grosse Zeitspanne zwischen dem Erscheinen der beiden Filme die Aufgabe zusätzlich erschwert. Doch gerade das nutzt der Film gekonnt aus und entwickelt vor diesem Hintergrund seine Stärken. Er dürfte dadurch dem ein oder anderen Fan des Kultfilms Lammbock ein kurzweilig nostalgisches Filmerlebnis bieten.

 

20 Jahre nach den des Films Lammbock – Alles in Handarbeit kommt es zu einem Wiedersehen der beiden Helden Kai (Moritz Bleibtreu) und Stefan (Lukas Gregorowicz). Stefan ist mittlerweile voll im Geschäftsleben in Dubai angekommen während Kai weiterhin in Würzburg lebt und aus der Pizzeria Lammbock einen vietnamesischen Lieferservice namens Lommbock gemacht hat. Privat versucht er sich für den Sohn seiner Freundin in der Rolle des Elternteils, das den Kontakt mit der Jugend nicht verloren hat. Um diese Beziehung entzündet sich dann die Hauptgeschichte des Films, sie spiegelt aber auch das Thema wider, um das sich der Film dreht. Es ist die Auseinandersetzung mit dem Älterwerden und der Schwierigkeit jung zu bleiben. Kai versucht auf tragikomische Art zu seinem Stiefsohn („eigentlich ist er ja mein Sohn“) Kontakt aufzubauen, indem er die Jugendsprache spricht (oder es zumindest versucht) und auf die Provokationen eines Teenagers mit Verständnis reagiert, anstatt in die übliche Rhetorik von Vernunft und Verantwortung zu verfallen, die Erwachsene typischerweise gegen pubertierende Jugendliche ins Feld führen.

Aber auch Verständnis kann nicht kaschieren was für jeden klar zu sehen ist: Kai ist alt oder doch zumindest spürbar älter geworden. Und so reflektiert der Film durch den Inhalt, was man als Fan von Lammbock durch das blosse Ansehen der gealterten Figuren sieht und selber nicht glauben will: man ist selbst auch älter geworden. Und man fragt sich: „Ist das wirklich schon so lange her?“ Zu dieser Wehmut stimmen dann die Szenen versöhnlich, in denen Kai und Stefan die alten Tage wieder aufleben lassen. Man wird ja schliesslich auch im Alter jung bleiben dürfen! Doch selbst in der so vertrauten Welt des Kiffens haben sich die Dinge geändert. Statt ihrem guten alten Bioskunk müssen sie wohl oder übel die „genmanipulierte Hazescheisse“ rauchen, die man scheinbar „zurzeit überall bekommt“. Auch dieses Detail ist für die Fans von Lammbock ein Moment, der sowohl Witz als auch Wehmut enthält. Wer in den 00er Jahren zu kiffen angefangen hat, hat schon damals von den älteren Semestern Sätze gehört wie: „Als ich jung war, da gab es noch das entspannte Gras zu rauchen. Heute sind das alles so hochgezüchtete Sorten, die man nicht mehr rauchen kann.“ Damals wunderte man sich noch über solche Altherrensprüche, heute fängt man an sie zu verstehen. Wie beim gilt auch bei Cannabis: die Jahrgänge, die man in der Jugend genoss, waren immer noch die besten. Und so werden Kai und Stefan immer wieder daran erinnert, dass die Welt sich verändert hat. Sie selbst haben sich indes nicht verändert; oder doch? Beide warten immer noch mit ihren alten Charakteren auf: Kai (Moritz Bleibtreu) ist immer noch der auf Stil bedachte Selbstinszenierer mit einem gewissen Hang zur Theatralik, der nie um einen schlagfertigen Spruch verlegen ist.

Stefan (Lucas Gregorowicz) ist ganz der Alte: kleine Anfälle seiner Kifferparanoia flackern hier und da auf und wieder weiß er nicht, woran er eigentlich mit seiner Partnerin ist, die er dieses Mal heiraten wird. Der kleine „Ich bin nie zufrieden“-Mann wohnt weiterhin in seinem Kopf und ist dieses Mal scheinbar nicht damit zufrieden, dass er nichts findet, womit er nicht zufrieden sein könnte. So sehr sie noch die Alten sind, wirken sie aber auf eine seltsam verkrampfte Art darum bemüht in erster Linie sich selbst zu beweisen, dass sie älter und reifer geworden ist. Sinnbildlich dafür ist Stefans neue Lebenskrise und sein spürbares Unwohlsein, mit dem Leben das er führt, was ihm selbst aber nicht aufzufallen scheint.

Das muss man allerdings nicht als Schwäche des Films sehen, im Gegenteil! Gerade die Spannung zwischen den sicht- und spürbaren Veränderungen der Umwelt aber auch des eigenen Körpers, bei gleichzeitiger Feststellung, dass man sich selbst nie ganz entwachsen kann, ist was das Älterwerden mit sich bringt – zumindest wenn man noch vergleichsweise jung ist. Eben das reflektiert Lommbock immer wieder auf gekonnte Art und Weise. Er greift elegant die Nostalgiegefühle der Lammbockfans auf und setzt sich mit ihnen intelligent auseinander: sowohl in Form einer lockeren Unterhaltung als auch Reflexion mit tiefsinnigen Momenten – ganz so wie Lammbock oder eben ein Cannabisrausch.

Die Schwächen des Films sind ähnlich wie die Schwächen von Stefans : Es fehlt der genuine Charme des Originals. Das liegt einmal daran, dass den Dialogen die nötige Ruhe und Gelassenheit fehlt und sie eher an einem zu Viel als zu Wenig an Witz leiden. Man könnte es auch mit Kais Worten sagen: Der Witz kommt zu aggressiv, anstatt „die Coolness im Subtext mitschwingen zu lassen“. Es liegt aber auch daran, dass, statt Szenen mit wenigen Einstellungen und ruhigen Schnitten zu drehen, die Szenen mit vielen Einstellungen und Schnitten gedreht wurden. Daher wirkt gerade der Film mit den älteren Herren jugendlich überdreht, während Lammbock, der zwei junge Männern in ihren wilden Zwanzigern portraitiert, der ruhige sachliche Film ist. Man kann dies allerdings auch als ästhetische Kritik am Klischee, dass mit Alter auch Verstand kommt, verstehen. Häufig genug sind doch gerade die älteren Herren alberner als Männer in ihren Zwanzigern. Was von der alten Garde häufig als Reife und Abgeklärtheit verkauft zu werden sucht, ist eigentlich eine gut vertuschte Form der Unreife, die die Jugend abzukaufen genötigt ist. Dass die Entwicklung der Geschichte allerdings häufig etwas erzwungen erscheint, ist eine Schwäche, die als solche stehenbleibt und nicht relativiert werden kann.

Den Fans des Kultfilms Lammbock kann man den Besuch des Films empfehlen. Die Schwächen kann man dem Film verzeihen, gerade weil er nicht versucht stilistisch am Original anzuknüpfen, sondern einen eigenen Weg geht. Das Resultat ist sicher kein neuer Kultfilm, aber in jedem Fall ein humorvoller und kurzweiliger Film, der auf intelligente Art und Weise die Nostalgie, die der Lammbockfan unweigerlich verspüren muss, aufgreift und bearbeitet. Allen anderen Zuschauern sei natürlich in erster Linie empfohlen, sich vorher Lammbock anzusehen. Auch wenn ein Besuch Lommbocks ohne vorheriges Ansehen Lammbocks mit Sicherheit lohnen kann, sollte man die Gelegenheit nutzen in den Genuss des Kultfilms zu kommen. In zweiter Linie kann man den Besuch Lommbocks besonders Arthouse Fans empfehlen, da Lommbock dem Zuschauer, der gerne über den Film nachdenkt, definitiv etwas bieten kann. Im Vergleich zu den meisten Filmen der letzten Jahre, die im Arthouse-Bereich veröffentlicht wurden, kommt Lommbock nämlich wunderbar unverkrampft daher und macht gerade deswegen eine gute Figur.

Carlos und Volker Hartmann


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