Kino immer anders


Das Setting von Call Me by Your Name könnte nicht inspirierender sein: Im Ferienheim des Archäologieprofessors Perlman (Michael Stuhlbarg) geht sein Sohn, der junge Elio (Timothée Chalamet), einem müssigen Tagesablauf nach, umgeben von Literatur, klassischer Musik, mediterraner Landschaft und Architektur, sowie der schwülen Hitze des italienischen Sommers. In diesem bürgerlichen Landhaus kommt es bald aber durch die Hintertür zu mächtiger erotischer Spannung, als ein Doktorand der Archäologie seine Ferien ebenfalls dort verbringt, um von Enios Vater bei seiner Arbeit unterstützt zu werden.

Der gutaussehende Amerikaner Oliver (Armie Hammer) wohnt in Elios altem Zimmer und gemeinsam teilen sie sich ein Bad. Anfangs bleibt es bei beiläufigen Blicken und zweideutigen Berührungen. Doch während die Familie traumhaft schöne Ferien verbringt mit angeregten Fachdiskussionen und idyllischen Schwimmausflügen, verstärkt sich die Anziehung zwischen ihnen. Die Männer stehen sich dabei immer wieder selbst im Weg durch Eifersucht auf die heterosexuellen Erfolge des jeweils anderen, und übermannt von Scham und Furcht vor dem erzkonservativen Italien. Doch die Bedrohung bleibt aus: im akademischen Elfenbeinturm der Perlmans liebt man nicht nur Weisheit…

Dieser Film ist so verträumt und nostalgisch wie er ehrlich und tiefsinnig ist. Wie eine Pastorale wirkt er oft inhaltslos, doch auch nur, weil Liebe in ihren zahlreichen Beiläufigkeiten gezeigt wird. Die vielen wunderschönen Trivialitäten wie das gemeinsame Rauchen, Baden und Tanzen lassen die Spannung aller Figuren nur erahnen, und dennoch dominieren sie den Film. Zu erwähnen ist auch der hervorragende Soundtrack, für den Call Me by Your Name eine Oscarnominierung erhalten hat. Manchmal wird die Bildsymbolik zu plakativ und einzeln sogar recht vulgär, doch auch nur, weil der Film, ganz wie seine bürgerlichen Figuren, verspielt intelligent ist und gegen Schluss leidenschaftlich schamlos wird.

Wer Zeuge des müssig-erotischen Treibens werden will, kann es ab dem Valentinstag in den Schweizer Kinos tun.

Carlos Hartmann


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