Kino immer anders


„Was, der geht zweieinhalb Stunden?!“, fragt jemand hinter mir im Publikum entsetzt. Ein Raunen geht durch die Reihen. Niemand hat Lust auf einen allzu langen Film. Manche Leute machen einen Gesichtsausdruck wie jener der Frau auf dem Filmplakat. Ist Ari Aster noch so ein Regisseur, der wie Damien Chazelle einen anfänglichen Erfolg erzielt („Hereditary“ bei Aster, „Whiplash“ und „La La Land“ bei Chazelle) und dann mit sowas wie „First Man“ kommt, um uns in Überlänge zu langweilen? Oder ist er eher wie Jordan Peele, der etwas Bewegung ins Horror-Genre bringt („Get Out“) und das auch zu wiederholen vermag („Us“)? Ari Aster ist kein Laster: er ist ein Jordan Peele, Midsommar überzeugt ununterbrochen über seine lange Dauer hinweg.

Spoilerfrei beschrieben geht das so: eine Frau, die wie Chloe Grace Moretz aussieht (Florence Pugh) führt eine zerbröckelnde Beziehung mit einem Mann, der wie Chris Pratt aussieht (Jack Reynor). Ausserdem sind die beiden mit dem Gesicht aus Black Mirror: Bandersnatch befreundet (Will Poulter). Die Reisegruppe folgt einem schwedischen Freund in sein Heimatdorf, um dort authentisch das Fest der Sommersonnenwende zu feiern. Wird das Aufeinandertreffen von traditioneller Lebensführung mit dem progressiven Lifestyle der New Yorker glimpflich verlaufen? Wird die bereits bröckelnde Beziehung dieses Aufeinandertreffen überleben oder endet das Ganze mit grotesken Ritualmorden?

In amerikanischer Façon bekommen wir zu Beginn jede Menge Figurenexposition aufgezwungen. Aber diese ist wenigstens überzeugend und nuanciert gestaltet, soweit also Standard. Aber die vielen ungewöhnlichen Kameraeinstellungen und der auffällig kontrastreiche Score verheissen filmisch Einzigartiges. Und das ist genau der Grund, weshalb „Midsommar“ letztendlich funktioniert: Er ist dank der Atmosphäre ein einzigartiger Film. Technisch ist er brillant umgesetzt – David Lynch trifft auf Ingmar Bergman – und ohne dass übermässiger Plot und Figuren dabei im Weg stehen. Ähnlich wie die Figuren, die vor lauter Ritual und Drogen nicht mehr wissen, wo hinten und vorne ist, bietet „Midsommar“ ein reines, orientierungsloses Erleben. Deshalb ist die Darstellung von psychedelischen Drogen so gut gelungen: Nicht nur der Blick, sondern unsere gesamte Wahrnehmung verschwimmt in diesem paganischen Höllentrip.

Wer also über einen vorhersehbaren Plot hinwegsehen kann, wird ein Fest für Sinne und Seele geboten bekommen, welches ganz sicher nicht von der schwedischen Tourismusbranche finanziert wurde.

Carlos Hartmann


Weitere Filmkritiken