Kino immer anders


Mulholland Drive ist ein filmisches Labyrinth, das sowohl seine Protagonistin als auch uns auf ewige Abwege führt und nicht mehr nach draussen lässt. Ich möchte im Folgenden einen möglichen Weg durch dieses Labyrinth aufzeichnen, was aber nicht alle Abzweigungen und Abgründe klären können wird. 

In meinem Verständnis des Films beginne ich bei der Aufforderung des Cowboys aufzuwachen („It’s time to wake up, baby girl!“). Nach der eröffnenden Tanzszene hatte uns die Kamera in einer Point-of-View Einstellung eine Bewegung gezeigt über ein Bett mit grünen Laken drüber auf ein rotes Kopfkissen hinzu – jemand hatte sich schlafengelegt. Nun sehen wir dasselbe Bett und eine Schauspielerin namens Diane Selwyn erhebt sich daraus. Die Geschichte von Betty & Rita war also ein Traum. Im Unterschied zu Filmen, die mit dem Traumelement schwierigen Situationen aus dem Weg gehen, indem sie alles Schwierige ins Reich des nicht-Realen verbannen und dann in eine leichte Realität zurückkehren, fallen wir in Mulholland Drive aus dem Traum in eine noch schwierigere Realität. Denn während der Traum eine kohärente Geschichte verfolgte, ist die Realität hoffnungslos zerstückelt: 

Diane Selwyn lebt einsam in einem heruntergekommenen Bungalow und wird ständig in Erinnerungsfragmente hineingerissen. Sie wirkt instabil und schwach, ja geradezu innerlich zerstört. Ihre Erinnerungen helfen uns zu verstehen, wieso sie vermutlich das träumte, was wir in den ersten zwei Stunden gesehen haben. Wir erfahren, dass sie wohl mit der brünetten Schauspielerin Camilla eine Beziehung hatte, die nun gescheitert ist. Wir erfahren vom schönen Moment, den sie hatte, als Camilla sie von Mulholland Drive zu ihrer Villa geführt hat; wir erfahren aber auch von der Demütigung am Festessen: wie man Diane nach ihrer erfolglosen Karriere befragte, wie sie sich vom Gespräch auf Spanisch ausgegrenzt fühlte und schlussendlich der Umstand, dass Camilla sowohl heiraten würde als auch ostentativ eine weibliche Liebhaberin an ihrer Seite führte. Diane hat für Camilla immer noch Gefühle: sie phantasiert sie in ihrer Wohnung und schwelgt in Sexphantasien mit ihr. Doch sogar in ihrer Phantasie wird sie von Camillas Ablehnung heimgesucht. Eine Szene im Winkie’s Diner zeigt, dass sie einen Auftragsmörder auf Camilla ansetzt. Sie ist von der Filmbranche und ihrem Liebesobjekt verlassen, sie gibt ihr vermutlich letztes Geld aus, um es zu zerstören und in diesem Moment sieht sie das Namensschild ihrer Kellnerin im Diner: eine scheinbar sorglose Betty. Gerne wäre sie wohl irgendjemand anderes, zum Beispiel eine solche Betty, aber nicht sich selbst. Wir finden hier die Hauptmotivation für ihren Traum: ihr Name sei Betty Elms. 

Zurück an den Beginn: eine Limousine fährt über Mulholland Drive und hält unerwartet an. Eine brünette Frau ist Ziel eines Auftragsmordes, doch dieser schlägt fehl. Womöglich ist dies eine Wunscherfüllung der Träumerin, die den Auftragsmord schon bestellt hat, sich aber 

eine Realität ohne ihn erwünscht. Versehrt und verwirrt taumelt die Brünette am Sunset Boulevard entlang – eine Strasse, die an Billy Wilders gleichnamigen Film erinnert, in dem thematisiert wird, wie gescheiterte Karrieren mit Parallelwelten gutgemacht werden. Schlussendlich gelangt sie in die Wohnung von Bettys Tante. Betty findet sie nackt vor – im buchstäblichen und übertragenen Sinne: sie ist wehrlos, ohne Identität und somit vollkommen abhängig von Betty. 

Selber ist Betty naiv und durch und durch optimistisch. Ihr Einstieg in Hollywood ist leicht und mühelos, die Szenen ihrer Ankunft sind von Licht durchflutet, mit harmonischer Musik untersetzt und die Schauspielerinnen werden wie in einem Werbespot synchronisiert. Selber beschreibt sie ihre Ankunft mit: „I am in this dream place!“ Das alte Ehepaar, welches Grosses von ihr erwartet, lässt aber schon vermuten, dass sich etwas Grässliches unter dieser Oberfläche befindet: ihr verschmitztes Grinsen wirkt schadenfreudig und vage sadistisch. Im Diner, das sich übrigens ebenfalls im Sunset Boulevard befindet, sehen wir einen Mann mit einer Art Mentor oder Analytiker frühstücken. Ihn sehen wir später gegen Schluss des Films bei der Kasse stehen, als Diane Selwyn den Auftragsmord bestellt. Er selber erzählt von einer ähnlichen Szene: sein Analytiker steht bei der Kasse und sieht in an. Er verspürt unglaubliche Furcht, denn etwas Grässliches befindet sich in dieser Traumwelt. Als er sich erhebt, verschwindet sein Frühstück vom Tisch, was der Zuschauer wohl nur unbewusst wahrnimmt. Der Ursprung seiner Angst, das Monstrum, wohnt bei den Mülltonnen, also am Ort des Verdrängten. Auf diese Szene werde ich noch zurückkommen. Vorerst beginnt die Karriere von Betty Elms ungehindert und wirkt fast zu perfekt. 

Erfolg ist dem Regisseur Adam Kesher nicht vergönnt. Seine Geschichte ist besonders reichhaltig. Als erstes erschien sie mir wie eine Satire auf die Filmbranche, in der David Lynch seine vielen Frustrationen in Hollywood kreativ verarbeitet. Doch die Espresso-Szene beinhaltet sehr viele Symbole. Zum Beispiel fällt ein bestimmter Satz sehr oft: „This is the girl.“ Genau dies sagt Diane Selwyn, um den Mord an Camilla Rhodes in Auftrag zu geben. Im Traum bezieht sich der Name „Camilla Rhodes“ aber nicht auf ihr Liebesobjekt, sondern auf eine blonde Schauspielerin, die aus unbekannten Gründen von der mysteriösen Mafia bevorzugt wird. Ein anderes Symbol ist der Espresso. Hier findet eine Neubesetzung der Elemente statt: der Espressokenner ist an der Verlobungsparty anwesend, genau als Diane selber Espresso trinkt, bevor sie von Camilla gedemütigt wird. So wie Camilla Diane aus ihrem Liebesleben verbannt, so spuckt der Italiener den Espresso aus. Ebenfalls ist Adam Kesher in der Realität Dianes Nebenbuhler um Camilla, und erfolgreicher als sie. Adam wird zur Rache dafür in eine Serie von Potenzkonflikten geworfen: bei seiner eigenen Arbeit wird er entmündigt und darauf 

rächt er sich mit seinem Golfschläger am Auto der Produzenten. Der Golfschläger ist unschwer als phallisches Objekt erkennbar, und Autos sind das amerikanische Potenzsymbol par excellence. Zu guter Letzt werden ihm in seinem Haus die Hörner aufgesetzt. Adams Versuch unterzutauchen ist nicht erfolgreich: die Hollywoodmafia kontrolliert seine Finanzen und weiss stets wo er ist. Camilla Rhodes ist „the girl“ – dafür sorgen die souveränen Mächte, daran kann sich nichts ändern. 

Auch die Auftragskiller werden vom Traum in Schach gehalten. In einem Dialog zwischen zwei von ihnen erfahren wir von einem „freak accident“. Nimmt der langhaarige Mörder an, dass sein Opfer im Unfall gestorben ist? Ist sein Opfer zufällig Rita? Hat der blonde Auftragsmörder wiederum erfahren, dass Rita wahrscheinlich überlebt hat? Wird er nun hinter ihr her sein? Nun ja, selbst wenn all das zutrifft und er sie tatsächlich aufspüren will: besonders geschickt stellt er sich dabei nicht an. Er hinterlässt drei Leichen mit Schusswunden im selben Raum und zieht mit dem ausgelösten Alarm auch noch die Aufmerksamkeit auf den Tatort. So wird er wohl nicht lange auf freiem Fuss bleiben. Ausserdem sucht er bei Prostituierten nach Spuren, und lässt sich dort womöglich von seiner Arbeit ablenken. 

Doch diese heile Welt kann nicht ewig stabil bleiben. Im Twinkie’s Diner treffen Betty und Rita die Kellnerin, mit der Diane ihren Namen getauscht hat. Betty und Rita blicken aufs Namensschild und lesen „Diane“. Dieser Name führt sie letztendlich in die Wohnung, wo eine tote Diane Selwyn in ihrem Bett liegt. Sie liegt ausserdem in derselben Stellung da wie die träumende Diane Selwyn. Ist das bereits eine manifeste Form von Dianes Todeswünschen? Ist das hier das Resultat des zugrundeliegenden Rollentauschs zwischen Diane und der idealen Betty? Rita ist zutiefst verstört und möchte aufkreischen. Ihre Reaktion ist genau was sich die gekränkte Diane wünschen würde: wenigstens mit dem eigenen Tod das Gegenüber schädigen können. 

Die Grenzen zwischen ihnen scheinen zu verwischen. Nicht nur die filmischen Bilder werden verworren und lassen die beiden Frauen zersplittert erscheinen. Auch Rita fühlt sich gedrängt, ihr Erscheinungsbild zu ändern und Betty hilft ihr, indem sie ihr eine Perücke aufsetzt. Nun gleichen sich die beiden Frauen und sind beinahe ihr gegenseitiges Ebenbild. Die von Betty abhängige Rita hatte bereits ihre wahre Identität aufgeben müssen. Und nun wirkt sie gänzlich wie eine Erweiterung von Betty. Hier liegt eine narzisstische Phantasie vor, denn die Narzisstin tendiert dazu, ihr Gegenüber nicht als eigenständiges Individuum anzuerkennen, sondern nur als Schmuck oder Spiegelbild des eigenen Selbst. Somit hat Diane durch ihren Traum die Illusion erschaffen, dass Rita gestürzt ist und jetzt ihrem Verlangen unterlegen ist. Alles Störende am Namen „Camilla Rhodes“ hatte der Traum schon beseitigt. 

Nachdem dies in Erfüllung geht, wird die Traumrealität rissig. Im Club Silencio erscheint die blaue Box in Bettys Handtasche. Diese Box ist das Portal in die Realität, und bald darauf sind wir wo ich begonnen habe: „It’s time to wake up, baby girl.“ Was im Traum verdrängt worden war, ist jetzt die hässliche, grausame Realität. In den letzten Szenen verdichtet sich der Film enorm: am Winkie’s Diner lauert die Realität des eigenen Versagens und des Mordes. Wir erinnern uns an die Aussage des Mannes im Alptraum: „He’s the one who’s doing it!“ Der gesamte Traum war ein Streben weg vom Einfluss dieser Wahrheit. Der Wahrheit, dass Diane vollends gescheitert ist, und dass Camilla nun tot ist. Das Monster lässt geballtes Leiden auf Diane los. Einst schwärmte sie mit dem alten Ehepaar über ihren zukünftigen Erfolg: das enttäuschte Über-Ich sucht sie jetzt aber heim, und treibt sie schlussendlich in den Selbstmord. Diese letzten Szenen sind nicht nur das tragische Ende der Figur Diane Selwyn, sie sind auch eine Abrechnung mit Hollywood. Der American Dream ist ein American Nightmare: Hollywood ist angetrieben vor der Angst vor dem eigenen Versagen: „He’s the one who’s doing it“. Der blanke Horror sitzt hinter der Fassade des kalifornischen La La Lands. Dass das Monster zudem ein Obdachloser ist, eröffnet die sozialkritische Dimension des Films. Der gesamte Glanzpalast des amerikanischen Westens verbirgt die eigenen schrecklichen Konsequenzen: unzählige sitzengebliebene und gescheiterte Existenzen. Doch sie liegen abseits des Traumes, und haben keine Stimme. Sie befinden sich tief im Silencio.

Carlos Hartmann


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