Cinema simply different


Aktuell läuft ein Film im Kino, den vermutlich nur ich mit absolut gigantischem Hype erwartet habe. Ich will der geneigten Leserschaft davon erzählen mit der Hoffnung, dass der eine oder die eine den Film sehen wird und sich dann hoffentlich auch mit dem Regisseur beschäftigt. Der Regisseur ist nicht bekannt oder so; er ist einfach nur mein Liebling (no homo). Die Rede ist von „Roads“ von Sebastian Schipper.

Das Set-Up ist simpel: ein Teenie, Gyllen, büxt aus dem Ferienhaus seiner Eltern aus und stiehlt ihren Wohnwagen, um damit zu seinem leiblichen Vater zu fahren. Leider ist das Ferienhaus in Marokko und der Junge kann weder irgendeine Sprache ausser Englisch noch kann er wirklich fahren. Ein anderer Junge, William, lernt ihn in diesem Schlamassel kennen. William ist aus dem Kongo und will in Europa seinen verschollenen Bruder finden. Er kann auch Französisch sprechen und Autofahren. Die beiden machen sich mehr schlecht als recht gemeinsam auf den Weg nach Frankreich. Hätte man mir das Skript ohne weitere Infos vorgelegt, ich hätte den Autor sofort erkannt!

Sebastian Schipper kennt eigentlich nur Folgendes: intensive Freundschaften zwischen Männern und Autos. Das habe ich bewusst ambig formuliert, denn die Freundschaften werden bei Schipper immer durchaus zu anderen Männern und nebenher auch eindeutig zu ihren Autos gehegt. Diese sind bei Schipper wie das Wetter in einem schlechten Roman. Der Motor brüllt potent laut auf, wenn sich Männer spielerisch ganz nah kommen, und er geht kaputt, wenn die Gefühle zueinander überhitzen. Das habe ich bewusst homoerotisch formuliert, denn die intensiven Schipper-Freundschaften sind immer eine Gratwanderung zwischen inniger Freundschaft und erotischer Liebe. Doch eine richtige Coming-Out Geschichte bekommt man dabei nie. Ob sich die Männer in seinen Skripten wirklich begehren – und wenn ja, ob sie sich das auch zugestehen können – oder ob sie sich rein freundschaftlich sehr gern haben, das wird stets offengelassen. Als Zuschauer bekommt man zu sehen, was Männer halt so machen: spielen, kämpfen, eifern, trauern, jubeln, blödeln, raufen, umarmen. Das Unausgesprochene hat man dabei selber zu verarbeiten: was hat man(n) da genau gefühlt? Nichts ist eindeutig und das ist sehr schön so.

Die Freundschaft der beiden Protagonisten ist auch in „Roads“ herrlich ambig. Gyllen trägt offen einen einzelnen Ohrring am linken Ohr und wird einmal deswegen von jemandem „Frocio“ (Schwuchtel) genannt. Dieses Wort fällt bereits im Regie-Debüt von Sebastian Schipper, Absolute Giganten (1999), als dort ein Junge von seinem Freund spielerisch auf die Schippe genommen wird. Gyllen und William werden auch einmal Opfer von homophober Gewalt. Doch sind die beiden schwul? Nun, Sebastian Schipper belässt es bei Anspielungen und vagen Zärtlichkeiten zwischen den beiden, aber an sich haben sie nur eine gefühlvolle und enge Freundschaft. Dieser Freundschaft verleihen sie halt auch gebührend Ausdruck. Dass sie Feindseligkeiten ernten, ist also doppelt tragisch: ein Mann kann in diesem Klima keinen anderen Mann freundschaftlich lieben, seiner Verbundenheit Ausdruck und Platz geben, seine Verletzlichkeit offenlegen oder seiner naiv-ungehaltenen Freude am Anderen freien Lauf lassen. Es ist also nicht nur Homophobie, sondern auch toxische Männlichkeit, die hier hinderlich und repressiv ist. Das verleiht allen Filmen von Sebastian Schipper eine immense Kraft und Relevanz.

„Roads“ ist ein hochaktueller Film, der inmitten vieler Spannungen agiert: Flüchtlingsströme, erstarken reaktionärer und intoleranter Haltungen und wandelnde Maskulinität. Jeder sollte diesen Film sehen.

„Roads“ von Sebastian Schipper läuft aktuell im RiffRaff in Zürich und im kult.kino in Basel.

Carlos Hartmann


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