Cinema simply different


Es ist wieder so weit, die Strassen sind voller Schnee und Kinderchöre singen auf diversen Christkindelmärkten ihre Weihnachtslieder. Glühwein hat Saison und alle können es kaum erwarten, dass der Mann im roten Anzug vorbei schwingt und ihnen den Abend mit seinen Gaben versüsst. Gemeint ist hier natürlich Spiderman, der in der hundertsten Neuauflage – diesmal erneut von Sony – gerade wieder in die deutschsprachigen Kinos gekommen ist.
Spoiler alert: Endlich lohnt sich der Kinogang.

Die neuste Version der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft ist animiert und heisst zum ersten Mal nicht Peter Parker. In den Comic-Serien ist das meist rot-blaue Kostüm bereits von diversen Männern und Frauen getragen worden, allerdings schafft es mit Miles Morales das erste Mal jemand anderes auf die Kinoleinwand. Aufgewachsen in einer mittelständischen Familie in Brooklyn ist der schwarze Teenager im Moment vor Allem mit einem Schulwechsel beschäftigt, als – ihr könnt es wohl erraten – eine radioaktive Spinne sich an seinem Handgelenk vergeht. Kurz darauf, nach einem düster endenden ersten Akt, ist natürlich die ganze Welt in Gefahr!

Gott sei Dank ist Miles nicht alleine: aus diversen alternativen Universen wurden Spidermans in das von Miles entführt. Peter B. Parker hat In (s)einer alternativen Dimension er keine Lust mehr auf den Job als Retter und zieht sich lieber die bequeme Jogginghose statt dem engen Kostüm an. Er wurde von Mary Jane verlassen, weil er aufgrund seiner gefährlichen Missionen keine Kinder in die Welt setzen wird – ein tieftrauriges und sehr erwachsenes Motiv in einem halbwegs kinderfreundlichen Animationsfilm. Spider-Women (Gwen Stacey) bestreitet die weibliche Hauptrolle, Spiderman Noir, der sich normalerweise mit schwarz/weiss Nazis prügelt, Peter Porker, ein Schwein im Looney-Toons Animations-Stil, das unter dem Namen Spider Ham Verbrecher jagt und schliesslich das Anime Mädchen Peni Parker und ihr von einer Spinne gesteuerter Kampfroboter.

Genauso bunt und vielfältig wie das Spiderteam ist auch der visuelle Stil des Films. Klar orientiert er sich an den Ben-Day dots der 50er und 60er Jahre Comics, die auch Roy Lichtenstein in seiner Kunst immer wieder aufgreift. Dazu kommen Sprechblasen und geschriebene Soundeffekte, die stark an die Batman Fersehserie mit Adam West erinnern (dazu mehr im nächsten Semester). Der ganze Film sieht fantastisch aus – sowohl in den düsteren Ecken und den grellbunten Setpieces, in denen sich die Helden und Bösewichte passend zu HipHop-Beats bewegen. Von tief schwarzen Schatten bis psychedelischen Schwur­be­leien – alles ist da und reibt sich anein­ander, bis es in einem großen, an Stanley Kubricks Dimensionenritt in 2001 – Odyssee im Weltraum erinnerndes Finale, in dem Erzählung und »Artwork« zu einem Ganzen fusionieren, aufgelöst wird.

Da Marvel-Vater Stan Lee auch hier wieder einen animierten Cameo-Auftritt hat, kann man nur hoffen, dass er diese neuste und beste Version seines bekanntesten Superhelden noch vor seinem kürzlichen Tod sehen konnte. Sonys vorherige Spiderman-Filme schwankten von ok (Sam Raimis Trilogie 2002-2007) bis unterirdisch (Venom 2018). Umso erfreulicher ist es zu sehen, dass das Studio mit seinem neuesten Versuch nicht nur den bisher wohl besten Animationsfilm der letzten Jahre abliefert, sondern womöglich sogar den besten Spider-Man Film aller Zeiten.

 Fleming Bruckmaier


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