Temporär im Kino Riffraff


Die Kurzfilmlandschaft ist weit vielfältiger als man denkt, jedenfalls als ich dachte. Dieses Jahr wird dies wieder an der Kurzfilmnacht am 6. April in den Kinos Arthouse Le Paris (ab 20.30 Uhr) und Arthouse Uto (20.45 Uhr) unter Beweis gestellt. In vier verschiedenen Kategorien werden 21 Kurzfilmleckerbissen gezeigt. Und neben den vielen Schweizer Produktionen, finden sich dazu auch Filme aus der ganzen Welt. Aus dieser grossen Auswahl habe ich nun meine vier Favoriten herausgepickt.

INS HOLZ

«Ins Holz» von Thomas Horat handelt von Holzfällern am malerischen Ägerisee, die durch harte Knochenarbeit schliesslich eine Art Riesenholzfloss zusammenstellen und so über den See transportieren. Trotz technischem Fortschritt und Automatisierung ist das alte Handwerk des Flössens auch heute noch aktuell. Unaufgeregt hält sich die Kamera im Hintergrund und lässt dem eindrucksvollen Winterwald den Vortritt. Und nicht nur die Kamera selbst bleibt ruhig, auch der Rhythmus des Films ist gelassen und entspannt. Der Film sucht nicht das grosse Spektakel, sondern findet seine Kraft in der Naturkulisse und hält den Zuschauer an, vielleicht ein wenig länger, als man es sich bei einem Film gewohnt ist, den Blick verweilen zu lassen.

KUCKUCK

Ein weiterer Schweizer Film, der sich jedoch in jeder Hinsicht vom letzten Beispiel unterscheidet ist «Kuckuck» von Aline Höchli. In dem wundervoll-skurrilen Trickfilm füttert ein junges Mädchen im Park Tauben. Als sie diese verlassen, macht sich das schlaksige Mädchen bedrückt auf den Heimweg. Aber sie muss nicht lange warten, bis sie erneut Gesellschaft bekommt. Es handelt sich aber leider um einen Besuch der ungewollten Art; ein Vogel schlüpft in ihrem Kopf. Sie holt sich deshalb Hilfe bei einem Parasitologen.

So unmöglich und unrealistisch diese Ausgangslage scheint, hat der Film jedoch einen wahren Kern, zumindest für mich. Im übertragenen Sinn handelt der Film vom Vogel den wir alle haben, man aber oft nicht sehen kann. Aber spätestens als das Mädchen im Wartezimmer des Parasitologen sitzt, fällt ihr auf, dass sie mit ihrem Vogel im Kopf nicht allein ist; da wäre zum Beispiel der Mann dem statt Haaren Schnecken am Kopf kleben oder die Frau, deren Brust ein Eigenleben entwickelt zu haben scheint. Die Botschaft des Films, dass man trotz Vogel weder allein noch komisch ist, finde ich persönlich eine sehr wichtige und noch dazu sehr kreativ umgesetzte.

EDMOND

Einen gewissen Vogel hat auch «Edmond». Die animierte Geschichte von Nina Gantz in der Kategorie LIFE IS SHORT fällt jedoch weit weniger positiv aus. Seine kannibalistischen Tendenzen machen Edmond schwer zu schaffen und er begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit um seinen Trieben auf den Grund zu gehen. Wir begleiten ihn bis in die Gebärmutter seiner Mutter und können so sein Leben zurückverfolgen. Immer wieder überkommt ihn der Drang nach dem Fleisch seiner Mitmenschen, genauso wird er danach auch von Schuldgefühlen übermannt und zieht sich immer mehr von der Welt um ihn herum zurück. Die Tatsache, dass Edmond scheinbar nie mit bösen Absichten handelte, verstärkt die Tragik des Ganzen noch zusätzlich. Der einzige Lichtblick im Film ist die liebevoll kindliche Machart, die der Geschichte eine gewisse Unschuld und Abstraktion verleiht. Alles in allem schwere Kost, jedoch sehr sehenswert!

MIN BÖRDA

Auch im Film «Min Börda» von Niki Lindroth von Bahr in der Kategorie WIE DIE TIERE stehen die Abgründe der Menschen im Zentrum. Ein tragisch-dunkles Musical, das von existenziellen Krisen aller Art handelt, ob in Bezug auf zwischenmenschliche Intimität oder berufliche Erfüllung. Der Schauplatz befindet sich vermutlich an einem Stadtrand, in der Nähe einer verlassenen Autobahn. Grosse Bürogebäude beherbergen Hunderte von Call-Center-Mitarbeitern, die finden, dass sie genug Verständnis für ihre Anrufer geheuchelt haben und sich fragen, wann denn jemand mal wissen will, wie es ihnen geht. Der Film beschreibt die zeitgenössischen Probleme der Menschheit, vor allem in industrialisierten Ländern, sehr gut. Trotz diesen ernsten Themen ist der Film jedoch grösstenteils sehr witzig. Dies liegt wohl zum einen an der Stop-Motion Animation, zum anderen wohl am Einsatz von Tieren für Menschen. Der detailreiche und sehr kreative Film regt zum Nachdenken, über die Art wie man lebt an und trotz der abstrusen Prämisse trifft er bei vielen Themen genau ins Schwarze.

Tickets für die Kurzfilmnacht gibts über www.arthouse.ch und an der Abendkasse!

Isabel Leder


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