Temporär im Kino Riffraff


Quälend lange ringt ein Mann, dessen Kopf in einem Plastiksack steckt, um Luft. Es ist die gewohnt starke Eröffnungsszene der talentierten schottischen Filmemacherin Lynne Ramsay (We Need to Talk About Kevin), welche mit You Were Never Really Here ihren erst vierten Film ihres rund 20-jährigen Schaffens am letztjährigen Festival von Cannes dem Publikum zum ersten Mal vorführte. Nicht nur gab es eine minutenlange standing ovation, der Film gewann auch die Preise für das beste Drehbuch und den besten Darsteller. Dieser, Joaquin Phoenix, ist es denn auch, welcher den Film mit einer beeindruckend stoischen Performance trägt.

In letzter Sekunde, scheint es, zieht Joe, so der unscheinbare Name des von Joaquin Phoenix verkörperten Antihelden, seinen Kopf aus dem Plastiksack. Er hatte ihn sich selber übergezogen. Einen Kontext dazu gibt es vorerst nicht. Und es wird noch verwirrender. In einem Hotelzimmer sehen wir Klebeband und einen blutigen Hammer, jedoch nur so kurz, dass man es bei einem Blinzeln übersehen könnte. Joes klobige Hände entledigen sich der Gegenstände und er macht sich davon.

Was anfangs den Anschein einer undurchsichtigen, verwobenen Erzählung hat, entpuppt sich schnell als langsam voranschreitende, lähmende Charakterstudie, in welcher der Plot eine untergeordnete Rolle spielt. Joe, das wird allmählich klar, ist ein schwer traumatisierter, suizidaler Auftragskiller, der darin spezialisiert ist, von Menschenhändlern entführte Kinder zu befreien, und zwar nicht ohne dabei noch die Köpfe der Peiniger mit einem Hammer zu bearbeiten. In seiner neusten Mission, bei der es um die Entführung der Tochter eines New Yorker Senators geht, gerät er in die dunkle Welt der kriminellen Machenschaften der obersten amerikanischen Politelite.

In dieser lassen Gouverneure in einem gross angelegten Menschenhandel Mädchen entführen, um sie für ihre pädophilen Vorlieben zu missbrauchen. Eine abgedroschene Geschichte, die vom eigentlichen Kern des Films, der Reise in Joes geschädigte Psyche, nur ablenkt. Mittels (anfänglich unklaren und mysteriösen) Rückblenden erschliesst sich langsam die traumatische Vergangenheit des ehemaligen Soldaten und Polizisten Joe. Das Resultat dieser verstörenden Erlebnisse sieht man in der Gegenwart: ein psychisches und körperliches Wrack, für das die Welt zu laut und zu hell geworden zu sein scheint. Ramsay versteht es, den Gefühlszustand des Publikums mittels einer fragmentierten, benebelnden Erzählstruktur demjenigen ihres Protagonisten anzunähern. Die minimalistische Musik von Radiohead-Leadgitarrist Jonny Greenwood tut ihr Übriges: nervös, schrill, hämmernd, ein einziger Nervenzusammenbruch.

Wer ist dieser Mann, der mit seinen Narben, seinen zu Fett gewordenen Muskeln und seinem wuchtigen Vollbart zuweilen mehr Bär als Mensch zu sein scheint? Der sich als Freizeitbeschäftigung Plastiksäcke über den Kopf zieht und Messer in den Mund steckt? Der sich zuerst fürsorglich um seine demente Mutter kümmert, und dann, sobald er sich die Kapuze überzieht, zum brutalen Mörder wird? Es interessiert uns, doch Ramsay beantwortet uns die Frage nicht. Sie liefert bloss vereinzelt Indizien, die wir selber zu einem Ganzen zusammenfügen können.

Diese Art des filmischen Erzählens zieht sich durch das ganze Werk der Britin. In ihrem melancholischen Debüt „Ratcatcher“ (1999) thematisiert Lynne Ramsay die kindliche Tristesse eines für den Tod eines Kollegen mitverantwortlichen Jungen innerhalb einer dysfunktionalen Familie der schottischen Unterschicht. Und im deprimierenden „We Need to Talk About Kevin“ (2011) geht es um die alltägliche Hölle einer Mutter nachdem ihr scheinbar grundböser Sohn ein Schulmassaker in der amerikanischen suburbia verrichtet. Die begabte Regisseurin formt aus diesen starken Stoffen nachhallendes Zelluloid. In ihrem nun ersten digital eingefangenen Film, der auf einer 2013 erschienen Novelle von Jonathan Ames basiert, fehlt dieser Stoff. Man fragt sich, wie der Film in Cannes den Preis für das beste Drehbuch gewinnen konnte. Schliesslich ist es genau dieses, das verhindert, dass Ramsays neuste Arbeit eine ähnliche Wirkung wie die ihrer besten Werke entfalten kann.

Ramsays Markenzeichen, Schlüsselmomente teilweise nur zu streifen, ist es zu verdanken, dass der Streifen nicht gar als revenge porn daherkommt. So wird aus einem potentiell sensationslüsternem Blutrausch, in welchem Joe im Bordell einem Gangster nach dem anderen die Rübe einschlägt, dank der Perspektive durch die Sicherheitskameras und der damit geschaffenen Distanz sogar ein denkwürdiger Moment. Ein weiterer solcher ergibt sich in einer unscheinbaren Einstellung des Hammers, den Joe im Laden kaufen und zu seiner Mordwaffe machen wird. Nicht übermässig, aber dennoch lange genug um Aufmerksamkeit zu erregen, zeigt uns Ramsay den Hammer, auf welchem in kleiner, aber gut sichtbarer Schrift „Made in U.S.A.“ draufsteht.

Ob von der Europäerin beabsichtigt oder nicht, öffnet sich hier in wenigen Sekunden ein neues Kapitel, in welchem es um die heikle Frage geht, inwiefern das amerikanische System den Nährboden für die gezeigten Gewaltexzesse schafft. Es waren die von den amerikanischen Politikern verursachten Kriege, die das Land mit traumatisierten Kriegsveteranen überschwemmten. Der Hammer, „made in U.S.A.“, wird zur eigenständigen Figur, zum Sinnbild der verdorbenen Seite Amerikas.

Solche Subtilitäten, Phoenix’ Meisterleistung und Ramsays beharrliche Erzählweise machen aus diesem Film einen betäubenden Trip in die Abgründe der menschlichen Seele. Vorausgesetzt, man lässt es zu.

Ivan Avramovic


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