Temporär im Kino Riffraff


Spannung, Action, aufwändige Visual Effects? Ein Science-Fiction? Und das aus der Schweiz?? Das kann ja nicht gut kommen! Der junge Winterthurer Ivan Engler muss diverse Variationen dessen wohl schon unzählige Male zu Gehör bekommen haben. Trotzdem (oder gerade deshalb) hat er nicht locker gelassen und es nach Jahren endlich geschafft. Der erste Schweizer Science-Fiction kommt am 24. September auf unsere Grossleinwände. Unglaublich, aber wahr. Aber es kommt noch besser: Ein von Zynikern befürchtetes Fremdschämen bleibt komplett aus und das Ergebnis kann sich wahrhaftig sehen lassen.

In richtiger Science-Fiction-Manier zeichnet auch CARGO kein utopisches, sondern ein dystopisches Bild der Zukunft. Die Erde ist nämlich nur noch ein einziger Schrotthaufen, weshalb sich die Menschen in überfüllte und nicht minder trostlose Raumstationen zurückgezogen haben. Nur der paradiesische Planet RHEA bietet noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Und genau da will auch die junge Ärztin Laura Portmann (Anna Katharina Schwabroh) hin, weshalb sie auf dem heruntergekommenen Raumfrachter KASSANDRA anheuert, um möglichst schnell genug Geld für die Reise nach RHEA zu verdienen.

Das Ziel der KASSANDRA ist die 5 Lichtjahre entfernte Station 42. Laura Portmann hält als einzige Wache an Bord, während der Rest der Besatzung im Kälteschlaf tiefgefroren ist. Was nun folgt ist unheimlichster Science-Fiction schlechthin. Endlich nimmt sich wieder mal jemand genug Zeit für die Inszenierung von gespenstisch leeren Gängen, dunklen Ecken, flackernden Lichtern und subtilen, aber umso effektiveren Toneffekten. Was da an dichter Atmosphäre geschaffen wird, erinnert wohltuend an grosse Science-Fiction-Filme vergangener Tage, deren oberstes Ziel noch nicht plumpe Action und ein Feuerwerk an Visual Effects war. Das kalte Raumschiff wirkt dadurch unheimlich lebendig und auch Laura Portmann beschleicht das Gefühl, dass nicht nur sie wach an Bord ist. Nach einem Zwischenfall im mysteriösen Frachtraum wird der Rest der Besatzung geweckt und ein Kammerspiel beginnt, das noch zahlreiche Überraschungen und Wendungen bereit hält.

Das Experiment ist geglückt. Schweizer können tatsächlich einen tollen Science-Fiction-Film drehen. Die KASSANDRA sieht einfach grossartig aus und selbst die Visual Effects sind eine Wucht und geben nie zu erkennen, dass die Filmemacher nur ein verschwindend kleines Budget zur Verfügung hatten. CARGO bleibt zudem stets spannend und sogar die Emotionen stimmen. Verantwortlich dafür ist der überzeugende Cast und vor allem die Hauptdarstellerin Anna Katharina Schwabroh.

Das Beste an Cargo ist aber, dass er nicht nur für Schweizer Verhältnisse gut ist, sondern sogar im internationalen Vergleich mithalten kann. Wird Ivan Engler also unser nächster Regie-Export in westliche Gefilde? Mit Cargo im Portfolio hat er jedenfalls so gute Chancen wie schon lange kein Schweizer mehr.

Martin Aeschbach


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