Temporär im Kino Riffraff


Woody-Allen-Fans dürfen sich nach der Komödie Vicky Christina Barcelona auf eine weitere Beziehungskiste des Massenfilmers freuen. Indem Allen, wie auch schon in anderen Filmen, Charaktere aufeinander loslässt, die gegensätzlicher nicht sein könnten, macht er es sich – mit Verlaub – etwas einfach. Boris Yellnikoff  ist ein Genie und lässt keine Gelegenheit aus, dies jedem unter die Nase zu reiben. Sei es seinen Freunden, die er mit seinem Gejammer über die dekadente Menschheit unterhält, den Kindern, die er beim gemeinsamen Schachspiel als unterbelichtete „Raupen“ beschimpft, oder jedem anderen, der ihm zufällig unter die Augen tritt. So werden denn auch wir, das Publikum, nicht von den Lebensgeschichten und Weisheiten des Exzentrikers verschont. In einem langen Monolog wendet er sich schon zu Beginn des Films ans Publikum im Kinosaal, was trotz den geschliffenen Worten und bissigen Sprüchen etwas platt herüberkommt.

Boris eigenbrötlerisches Leben gerät aus den Fugen, als die 21-jährige Melody, die aus ihrem wohlbehüteten, christlichen Elternhaus in den Südstaaten abgehauen ist, bei Boris aufkreuzt und ihn mit kokettem Blick um Unterschlupf bittet. Und so quartiert sich die naive, vor jugendlichem Elan sprühende Melody, mit wenig Sinn für Boris Sarkasmus, bei ihm ein. Trotz den anfänglichen Schikanen und Gemeinheiten  seitens Boris werden der griesgrämige, alte Kauz und die dümmliche Schönheit ein Liebespaar. Whatever works! In New York ist schliesslich alles möglich. Schwieriger wird das Ganze, als Melodys christlich-dogmatische, sexuell frustrierte Mutter in New York auftaucht, und verständlicherweise vor lauter Schreck über den Ehemann ihrer Tochter in Ohnmacht fällt. Als diese versucht, Melody einen charmanten, attraktiven – dafür um so langweiligeren Typen schmackhaft zu machen, und schliesslich auch noch ihr Exmann John auftaucht, der in New York sein Coming Out feiert, sind die Verstrickungen perfekt.

Dies ist in einigen Szenen durchaus witzig, in anderen wirkt das Ganze ziemlich überzeichnet und oberflächlich. So sind die beiden naiven Frauen Blondinen, die sich auffällig schnell an ihre Umgebung, sprich an ihre Männer anpassen. Dass sie etwas beschränkt sind, tut nichts zur Sache; man ist schliesslich schön, und hat einen oder gar zwei Männer, die einem die Welt erklären. Auch Boris‘ bitterböse Erkenntnisse, die der Hauptgenuss des Filmes sind, kauft man ihm, spätestens als er sich ausgerechnet mit einer Hellseherin zusammentut, einfach nicht mehr ab. Zum Schluss wendet sich der schwatzhafte, misanthrope Kauz noch einmal an uns Zuschauer. Dass die anderen Figuren im Film uns nicht sehen können und er als Einziger das „Gesamtbild“ erkennt, erklärt er sich – wie könnte es anders sein – mit seinem unverhältnismässig hohen IQ. An dieser Stelle habe ich die Pointe offensichtlich verpasst. Vielleicht hätte ich aber auch einfach einen Mann mit ins Kino nehmen sollen, der mich anlächelt und sagt: „Don’t worry, honey. I’ll explain that to you later.“

Anja Schulthess


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