Temporär im Kino Riffraff


Wer kennt sie nicht, die Geschichten des kleinen Nick, die seit über 50 Jahren sowohl Erwachsene wie auch Kinder begeistern. Es sind Lausbubengeschichten, wie sie vermutlich jeder aus seiner eigenen Schulzeit kennt – aus den Augen eines Kindes erzählt. Und gerade darin, in diesem kindlichen Blick, liegt so viel Charme und Schalk, dass er die Erwachsenen zu einer von Nostalgie nicht freien Reise in die eigene Kindheit bewegt und die Kinder selbst einmal mehr in der Meinung bestärkt, dass die Erwachsenen doch seltsame, einfallslose Wesen sind. Nun hat der Regisseur Laurend Tirard sich an den zeitlosen Stoff herangewagt und einen warmherzigen, phantastischen Film geschaffen, der so manchen an die Jungen aus les choristes erinnern wird.

Der kleine Nick ist glücklich und zufrieden mit seinem Leben. Seine Mutter ist sehr lieb und nachsichtig, très chouette – wie es eine Mutter eben sein soll – und auch sein Vater, der die tollsten Grimassen schneiden kann, ist super. In der Schule und in seiner Freizeit erlebt er zahlreiche Abenteuer mit Otto dem Dicken, Georg dem Verwöhnten, Chlodwig dem Dummkopf und den andern Jungs. Und selbstverständlich gibt es da auch noch den Streber Adalbert, den man seiner Brille wegen nicht schlagen darf und Marie – das obskure Objekt der Begierde. Kein Wunder wünscht sich Nick nichts sehnlicher, als dass es immer so bleiben möge in seiner perfekten, kleinen Welt. Doch in diese Welt bricht etwas Unerwartetes hinein. Und Nick, von seiner Umwelt behütet, sieht sich schweren Herzens gezwungen, von zu Hause wegzulaufen…

Bei diesem Film geht es einem als Zuschauer ein wenig so, wie wenn einem nach vielen Jahren beim Betreten des alten Schulgebäudes ein unbeschreiblicher Duft in die Nase steigt, der einen unweigerlich in jene Zeit zurückversetzt, in der noch alles in Ordnung war. Es ist eine bunte, phantastische, irreale Welt, die im Film gezeigt wird. Die verspielte Musik, die kräftigen Farben, die Kostüme und das Dekor mit dem Flair der 50er Jahre tragen ihren Anteil zu diesem künstlich-idealisierten Gesamtbild bei. Eigentlich ist es ein Märchen, das uns hier erzählt wird, der Traum vom „Niemals Erwachsenwerden“. Trotzdem sind es vermutlich gerade diejenigen Erwachsenen, die mit ihrem Hintergrund und ihrem Verständnis dennoch den Blick der Neugier und des Schalks bewahrt haben, die in den altbekannten Geschichten Neues entdecken können. Das Wissen darum, dass dieses Kinderglück nicht ewig währt, lässt einen den Film um so mehr geniessen. Und zumindest in den Märchen, in einer zeitlosen Erzählung wie le petit Nicolas, entgeht der kleine Held der Notwendigkeit des Alterns. Und so entzückt er noch immer, mit dem diskreten Charme eines petit Bourgeois.

Anja Schulthess


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