Temporär im Kino Riffraff


Schauplatz dieses eindrücklichen, erschütternden Films ist Diyarbakir, eine Stadt im kurdischen Teil der Türkei, geprägt von Gewalt, Prostitution und Drogen, die durch die ständige Zuwanderung von Bürgerkriegsflüchtlingen in den 90er Jahren zu einer kleinen Metropole angewachsen ist. Hier lebt die 10-jährige Gülîstan mit ihrem jüngeren Bruder Firat, ihren Eltern und einem Baby. Bei einer nächtlichen Strassenkontrolle auf der Heimfahrt von einem Hochzeitsfest müssen die Geschwister mit ansehen, wie ihre Eltern von einem türkischen Paramilitär kaltblütig erschossen werden. Von nun an sind die Kinder auf sich alleine gestellt und müssen sowohl mit ihrem Trauma als auch mit der akut existenziellen Bedrohung durch unbezahlte Mieten und dem hungrigen Kleinkind alleine zurechtkommen. Die Tante, die die Kinder anfänglich versorgt, wird bei ihrem Versuch über geheime Kontakte Flugtickets nach Schweden zu bekommen, verhaftet und verschwindet spurlos. Die Kinder landen auf der Strasse und lernen dort, sich mit Hilfe von anderen Strassenkindern in ihrem von Armut und Elend gezeichnetem Alltag zurecht zu finden. Als Gülîstan zufällig dem Mörder ihrer Eltern begegnet, der vordergründig ein Leben als intakter Familienvater und Ehemann führt, insgeheim aber mit der brutalen türkischen Geheimpolizei kooperiert, greift sie zur Waffe. Allerdings zu ihrer eigenen Waffe, einer Methode, die weiser und subtiler ist als die rohe Gewalt der Erwachsenen. Dabei erinnert sie sich an das Märchen vom bösen Wolf, das ihre Mutter den Kindern zum Einschlafen erzählt hat. Statt den Wolf zu töten wird ihm eine Glocke um den Hals gehängt, die die Menschen vor ihm warnen soll. Diese Metapher macht sich das kluge Mädchen zunutze.

Miraz Bezar ist mit seinem Langfilmdebut ein Werk gelungen, das erschüttert und Fragen aufwirft, die so leicht nicht zu beantworten sind. In kraftvollen, eindrücklichen Bildern, erzählt er uns die wahre Geschichte einer mittlerweilen 20-jährigen Frau und bleibt dabei auf der Ebene der Kinder. Der Film zeigt ihre subjektive Sicht auf die ständige, subtile Gewalt, die sie umgibt. Die Darsteller, alles Laien aus sozial schwachen Stadteilen von Diyarbakir, müssen nicht spielen um ihren Rollen gerecht zu werden, sie verlieren sich gänzlich in ihrem eigenen Spiel, in ihrer eigenen Welt. Man kann nur staunen angesichts der stillen Solidarität unter den Kindern, ihrem Lebenswillen und der Hoffnung, die aus ihren Augen spricht. Der Regisseur formuliert weder platte gesellschaftskritische Thesen noch apelliert er an die Moral. Vielmehr macht uns der Film subtil auf das soziale Elend der Menschen und vor allem der Kinder dieser Stadt aufmerksam, ohne dabei die Komplexität, die mit dieser Ungerechtigkeit verbunden ist, zu untergraben. Mîn Dit ist ein Film, der einen sprachlos macht.

Anja Schulthess


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