Temporär im Kino Riffraff


Harry Dean Stanton ist den meisten Leuten am besten bekannt als „der mit der roten Mütze in ‚Paris, Texas’“ und manche andere kennen ihn von ‚Alien’. Auch Twin Peaks Fans ist er gut bekannt als der Besitzer des ‚Fat Trout Trailerpark’.

Er hatte keine glamouröse Karriere inmitten des Scheinwerferlichts Hollywoods, und war eher bei Filmnerds ein Name. Doch jeder, der ihn kannte, schätzte ihn sehr. Er strahlte Besonnenheit und Gutmütigkeit aus. Er war stets ein bescheidener und äusserst umgänglicher Mensch, das sagten auch alle Schauspieler und Regisseure, die irgendwann mit ihm gearbeitet haben. Auch als Zuschauer genoss man sein unkompliziertes und sympathisches Schauspiel. Harry Dean Stanton verkörperte auf genuine Weise das romantische Ideal des lässigen Cowboys, inmitten einer Industrie, in der nur sehr wenig genuin ist. Man nannte ihn in Filmcommunities im Internet „a national treasure“, amerikanisches Kulturerbe also.

Entsprechend löste die Nachricht seines Ablebens vor drei Monaten vielseitige Trauer aus. Ohne Harry Dean Stanton werden aus den oben erwähnten Filmen allen voran Erinnerungsstücke an eine Zeit, als es noch den lässigen Harry Dean gab und deswegen alles irgendwie OK schien.

Es ist reiner Zufall, wenn auch sehr passend, dass er seine letzte Rolle für eine kleine Produktion spielt, an der lauter befreundete Filmschaffende teilhatten. „Lucky“ ist ein Low-Budget Film, bei dem der Schauspieler John Carroll Lynch Regie führt und unter anderem auch David Lynch zu sehen ist.

Es handelt sich im Film um die Kleinstadtbekanntheit „mit dem Spitznamen Lucky, der allseits geliebt ist, und langsam seinem Lebensende entgegensieht. Als er eines Morgens kurz bewusstlos wird und stürzt, wird ihm bewusst, dass dieser Sturz sein letzter hätte sein können. Stoisch philosophiert er mit seinen Freunden und Bekanntschaften über Schicksal, Religion und den Tod. Mit dem Wissen um den Tod von Harry Dean Stanton ein knappes Jahr nach dem Dreh, entfaltet dieser äusserst gelassene und nachdenkliche Film eine ganz besondere Stärke.

Wenn man sieht, wie alle Bewohner der Kleinstadt Lucky schätzen und dieser eine Aura von Lässigkeit verströmt, kann man nicht umhin, den Film als Schwanengesang für einen eigenartigen und äusserst liebenswürdigen Schauspieler zu sehen. Und obwohl der Inhalt des Films relativ melancholisch ist, schafft es «Lucky», dass wir Harry Dean Stanton nicht bemitleiden oder fanatisch hinterhertrauern. Alles wird gut, das sieht man dem Stanton an.

Schöner hat man sich noch nie von einem Filmschaffenden verabschieden können.

Lucky kommt am 18. Januar in die Zürcher Kinos.

Carlos Hartmann


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