Temporär im Kino Riffraff


«My dad’s in the cemetery. He got killed driving Mum to the hospital to have me.»

Eine unangenehme Stille entsteht.

Die fremde Frau schenkt Amelia (Essie Davis) und ihrem Sohn Samuel (Noah Wiseman) einen mitleidsvollen Blick, nimmt ihre eigene Tochter an die Hand und verlässt den Supermarkt.

Eine blasse Amelia bleibt zurück, die ein paar Sekunden braucht um sich wieder zu fangen, bevor sie ihren Sohn zum Spielen in den Park bringt. Der Vorfall wird nicht mehr erwähnt. Überhaupt verliert Amelia kaum je ein Wort darüber, wie ihr eigenes Leben vor sechs Jahren mit dem Tod von Samuels Vater zum Stillstand kam. Stattdessen geistert sie nur durch ihren Alltag als Krankenschwester und Mutter umher, wobei sie ihrem von Angstzuständen geplagten Jungen, bei aller Mutterliebe, kaum in die Augen sehen und in die Arme nehmen kann.

Eine Zweisamkeit zwischen Amelia und Samuel entsteht jeweils nur in den paar Stunden vor dem Schlafen gehen, in denen sie ihm Geschichten vorliest. Dieses Mal sucht Samuel aber ein Bilderbuch aus, das auf mysteriöse Weise in seinem Regal erschienen ist. Nichts ahnend beginnt Amelia aus „Mister Babadook“ vorzulesen, nur um es gleich darauf wieder zu zuklappen, als Samuel aufgebracht glaubt darin das Monster seiner Alpträume wiederzuerkennen. Beim Versuch ihn zu beruhigen stösst Amelia in den folgenden Tagen an ihre Grenzen, denn Samuels Verhalten wird immer auffälliger. Doch schon bald gelingt es auch ihr nicht mehr, diese ominöse Präsenz, vor der ihr Sohn sich immer wieder fürchtet, im eigenen Haus zu ignorieren, schon gar nicht, wenn diese sich mit „Ba-ba Dook…DOOOK!“ am Telefon meldet…

Nachdem die erste Zeile aus dem Bilderbuch vorgelesen wurde, schleicht sich beim Zuschauer, zwischen knarrenden Zimmertüren und verängstigtem Kindergeschrei – „Don’t let it in, DON’T LET IT IN!“ – ein unwohles Gefühl ein, das ihm für den Rest des Films im Nacken sitzt und immer wieder „Ba-ba-DOOOK“ ins Ohr flüstert. Genauso präsent bleibt auch die bedrohlich wirkende Schattierung, die mehrere Einstellungen dieses Films schwarz einrahmt, und niemanden aus diesem psychisch beklemmenden Horrorkammerspiel wieder gehen lässt. Die wundervoll inszenierte Kulisse von einem Haus, das an alte Stummfilme wie Das Cabinet des Dr. Caligari erinnert, sowie die gelungene gruselige Klangwelt, ziehen den Zuschauer sofort in den Bann, während Davis und Wisemans rohes und kraftvolles Schauspiel unter die Haut geht; und genau dieses Zusammenspiel macht den Horror-Erstling der australischen Regisseurin Jennifer Kent so effektiv.

So wie Babadook selbst aus dem mit Kohlenstift gemalten Bilderbuch hervorspringt, so erwachen Amelia und Samuel laut schreiend vor einem kühl gefärbten und gezeichnet wirkenden Hintergrund aus ihrem geisterhaften Dasein zum Leben. Anstatt den Horror irgendwo im Übernatürlichen oder in einer Reihe sinnloser Jump-Scares zu situieren, verankert Kent ihn in der physischen und vor allem psychischen Aufarbeitung von Trauer und Trauma, und somit in einem dunklen Ort gleich unter uns – in uns.

Dem Zuschauer dämmert es also mit der Zeit, woher sich dieses eigene Unbehagen anschleicht. Das Monster, von dem wir glaubten, dass es sich im Schrank verstecke oder nur zwischen den Zeilen alter Geschichten schlummere, ist uns vielleicht doch näher, als wir dachten. Und wenn wir jetzt während der Weihnachtszeit wieder einmal Zeit für uns finden, es uns auf dem Sofa bequem machen und im Stillen auf die Seiten unseres Lieblingsbuchs starren…da spüren wir es wieder…dieses Kitzeln im Nacken…da hören wir es wieder…dieses Flüstern im Ohr: „If it’s in a word, or if it’s in a book… you can’t get rid of the Babadook… You’ll see him…if you look.”

Alicia Schümperli


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