Temporär im Kino Riffraff


Nächstes Jahr erwartet uns ein Geheimtipp einer Neuerscheinung und zwar: „Eighth Grade“ von Bo Burnham. Was laut Beschreibung wie eine relativ konventionale US-Schulkomödie wirkt, wird von einigen Leuten, auch diesseits vom Teich, ungeduldig erwartet und fiebrig gehypet. Denn die Person dahinter ist, wenn man den Fans glauben kann – und das kann man – ein Visionär, ein genialer Knallkopf und eine Idee deren Zeit gekommen ist. Bisher war die „Generation Hashtag“ noch zu jung um sich auf einer richtigen Bühne zu artikulieren, doch der Anfang vom Ende des Schweigens stand schon 2011, 2013 und 2015 auf der Bühne: der Comedian Bo Burnham.

Seine Karriere ist so ungewöhnlich wie er selbst: anfangs lud er vereinzelte Videos von sich hoch, in denen er Keyboard spielte und komische Texte dazu sang. Richtig berühmt wurde er durch seine Vines, ein Format von grösstenteils komischen Videos von nur sieben Sekunden Länge. Das prägte seinen Stil enorm: Burnham tendiert zur extremen Verdichtung und Einbettung von mundgerechten Zwischenpointen. So wie er in den Vines ständig innerhalb von nur sieben Sekunden die Stationen These, Antithese, Antithese der Antithese und ironische Wiederholung der These rasant abfährt, so wurden auch seine Bühnenshows halsbrecherisch ironisch und rekordverdächtig dicht.

Seine erste Bühnenshow, „Words, Words, Words“ verhalf ihm zur Produktion des Gipfels der Comedy-Virtuosität.

Zwei Jahre später kam er zurück mit „Make Happy“, eine Show, in der er urplötzlich ganz ernst feststellt: er sei der Inbegriff dessen geworden, was er schon immer verabscheute. Prompt brach er seine Comedykarriere ab, wodurch sie (vielleicht gewollt) genau wie einer seiner Witze wurde: absurd schnell, überraschend und im Gesamten ein halbernstes Stück von bitterbösem Galgenhumor.

Wie schon gesagt ist Bo Burnham der optimale Botschafter der Social Media Generation. Und wenn man verstehen möchte, was diese Generation beschäftigt, so empfehle ich dringendst die einstündige Show „what.“! Und weil sich Burnham auch kein Profit davon versprach, kann man sich die Show kostenlos auf Youtube ansehen! (Wir haben sie euch hier verlinkt)

Die Show ist praktisch der Inbegriff der Unterhaltung: eine bis zum Geht-nicht-mehr vollgepackte Stunde voll mit Liedern, Witzen, Parodien, unerwarteten Publikumstäuschungen und purer Leidenschaft am Unterhalten. Es ist spannend zu sehen, wieviel originalen Inhalt Burnham bieten kann und wie er dabei immer wieder in einen Dialog mit der Form der Stand-Up Comedy selber tritt.

Burnham ist ein Tausendsassa, das beweist er durch viel Tanz, Bewegungstheater, klassischem Stand-Up und sogar mit Dichtkunst. Zeitgleich bietet er aber auch Persiflagen eben dieser Künste und das stets mittendrin. Tänze und Pantomimen rutschen oft ins primitiv Lächerliche, die Gedichte sind teils absichtlich urkomisch – nachdem sie extrem originell und lustig waren – und teils tänzeln sie gekonnt an der Grenze zwischen Ernst und Parodie.

Als ein Gesamtes betrachtet ist „what.“ eine Gesellschaftskritik, ein politisch-soziales Statement, eine Liebeserklärung an seine Generation, eine therapiehafte Verarbeitung emotionaler Leiden, ein metaartistischer Diskurs als auch eine Hymne an die Bühne als Ort des absoluten Wahnsinns. Und trotz alledem schafft es Burnham als vollkommen normal und durchschnittlich rüberzukommen – er ist kein „Grand Artiste“ in seinem Auftreten, denn dieses Image ist eines von vielen, welches er nur einnimmt, um es eine Sekunde später zu Tode zu parodieren. Tatsächlich bleibt kein einziges Image, keine einzige Behauptung, kein Gag ohne Hinterfragung und Hinterfragung der Hinterfragung.

Nur mal zwischen uns Überinterpretierern: Burnham ist ganz ohne Zweifel eine Ausgeburt der Postmoderne. Aber dazu wann anders mehr.

Carlos Hartmann


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