Temporär im Kino Riffraff


Was veranlasst einen jungen Schweizer dazu in ein Kriegsgebiet zu reisen und von dort als Reporter Bericht zu erstatten? Der Nervenkitzel, das Abenteuer, Ideale? Die Regisseurin Anja Kofmel folgt den Spuren in die Vergangenheit, um der Geschichte ihres Cousins Chris nachzugehen, der in den 90er Jahren von den Fronten des Jugoslawienkriegs berichtete. Später zog er selbst ins Gefecht und wurde dort gewaltsam ermordet. Wie konnte es soweit kommen? Mit dem zusammengetragenen Material wie Videos, Interviews mit Chris ehemaligen Mitarbeitern und seinen erhaltenen Notizbüchern wird das Geschehene – der Krieg und das Unheil – aufgearbeitet. Ein beträchtlicher Teil der Geschichte des jungen Mannes bleibt aber im Dunkeln.

Die Regisseurin ergänzt die vorhandenen Notizen – und auch die fehlenden – mit ihrer Fantasie und malt sich Szenen aus, die animiert ähnlich Traumsequenzen dargestellt sind. Die Animationen – allesamt in schwarzweiss – zeigen ein düsteres Bild von Einsam- und Hilflosigkeit. Monster und aus dem Boden schiessende Dornenranken sind Sinnbilder von Chris’ Ängsten. Durch die fliessenden Übergänge der animierten Szenen wechselt der/die Betrachter/-in zwischen verschieden Perspektiven und schwebt – als Beobachter/-in – mit im Traum.

Die Kombination aus Information und Entertainment macht deutlich, dass es sich nicht um einen Dokumentarfilm handelt. Die subjektiven Gedanken und Gefühle der Involvierten und der Verwandten stehen im Vordergrund, während der Krieg und dessen Schauplatz den Kontext bilden. Als besondere Stärke des Films erachte ich das Material zum Prozess des Films. So gibt es beispielsweise Szenen, in welchen die Zeichnungen, der später animierten Bilder zu sehen sind. Auf diese Weise kommt der Zuschauer/-in nicht nur in den Genuss des Endprodukts, sondern kann auch dessen Entstehung und Entwicklung nachvollziehen.

Obwohl die Geschichte aus der Vergangenheit erzählt, ist sie doch aktuell. Bedenkt man, dass auch heute junge Menschen, in Kriegsgebiete ziehen, aus Gründen, die als Aussenstehende kaum erklärbar sind. Was den Film betrifft, so lässt sich fragen ob es nicht möglich gewesen wäre mehr Informationen zu erhalten, denn der Film hinterlässt die Zuschauer mit vielen Fragen aber wenig Antworten. Ein unbefriedigendes Gefühl aber auch einer Erkenntnis, dass für viele Taten keine rationalen Erklärungen existieren.

Fazit: nach acht Jahren Arbeit liegt mit Chris the Swiss ein kraftvolles Stück Familien- aber auch Schweizergeschichte vor, dem es ausgezeichnet gelungen ist Information und Imagination zu vereinen. Darüber hinaus beschränkt sich das Werk nicht auf die Beziehung zwischen dem Cousin und der Regisseurin, sondern bindet ein ganzes Netz von Verwandten und Bekannten ein, womit ein Vielfaches an Vorstellung und Erinnerung zu Chris Würtenberg zusammenkommt.

Leandra Sommaruga


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