Temporär im Kino Riffraff


Dass sich der erste Spielfilm der jungen Regisseurin Marina Chenillo (32) um schwere Themen wie Alter und Tod dreht, mag zunächst erstaunen. Doch Chenillo erzählt in Cinco dias sin Nora die Geschichte ihrer eigenen Grosseltern und tut dies auf ihre ganz eigene, heitere und erfrischende Art.

Schon viele Male hat Nora versucht, Selbstmord zu begehen. Doch dieses Mal plant die alte Dame ihren Freitod bis ins letzte Detail, so dass eigentlich nichts mehr schief gehen kann. Zumindest nicht nach Noras Vorstellungen. José, von dem sie mittlerweile 20 Jahre geschieden ist, steht damit aber vor einer Reihe Unannehmlichkeiten. Weil ihr gemeinsamer Sohn Rubén in den Ferien ist, kann die Beerdigung nämlich nicht sofort abgehalten werden, wie José lieb wäre. Ausserdem will die jüdische Gemeinde keine Selbstmörder auf ihrem Friedhof begraben und zu allem Übel steht auch noch der Festtag Pessach vor der Türe. Was man zunächst für eine Häufung unglücklicher Zufälle hält, ist in Wirklichkeit alles Teil von Noras minutiösem Plan. Die alte Dame will ein letztes Mal die ganze Aufmerksamkeit der Familie auf sich ziehen, was ihr auch eindeutig gelingt. So sieht sich José gezwungen, fünf Tage bei Nora zu verbringen und Totenwache zu halten. Dadurch wird der Agnostiker nicht nur mit einem Rabbi und der strenggläubigen Christin Fabiana, die zum Kochen für das Pessachmahl bestellt wurde, konfrontiert. Er muss sich auch seiner eigenen Vergangenheit und damit seiner gescheiterten Beziehung mit Nora stellen. Als auch noch ein geheimnisvolles Foto unter Noras Bett auftaucht, beginnt sich Josés harsche Haltung gegenüber Nora allmählich zu wandeln und er beginnt zu verstehen.

Die Regisseurin, die mit diesem Film zu Recht den Preis für die beste Regie am Filmfestival in Moskau erhielt, erweist sich als genaue Beobachterin. Die Figuren und ihre Beziehungen wirken authentisch, die Kamera ist stets nah an den Figuren, ohne jemals aufdringlich zu wirken.

Der Film zeigt uns einen ganz anderen, leichteren und direkteren Umgang mit dem Tod, der in Mexiko seine Tradition hat. Dadurch gelingt es Chenillo das Publikum trotz der ganzen Tragik, die hinter der Geschichte steckt, zum Schmunzeln zu bringen. Und vielleicht ist es gerade dieser sanfte, subtile Humor, der es uns auch im wahren Leben überhaupt ermöglicht, mit solch schmerzhaften Erfahrungen wie dem Tod umzugehen. Vor allem ist der Film aber eine Hommage an das Leben. Denn was zählt, ist das was bleibt – sei es auch nur eine blasse Erinnerung.

Anja Schulthess


Weitere Filmkritiken