Temporär im Kino Riffraff


Ein heisser Tag in der Wüste Somalias. Ein kleines Nomadenmädchen steht auf einem Hügel, umgeben von einer Herde Ziegen, und blickt gedankenverloren in die unendliche Weite, als ob es den Horizont nach neuen, unbekannten Erfahrungen absuchen würde. Das Mädchen ist Waris Dirie, und die Wüste wird nicht für lange ihr Zuhause bleiben, wie diese Verfilmung einer wahren Biografie aufzeigt: Als ihre Eltern sie mit 13 Jahren zur Heirat zwingen wollen, flüchtet Waris in die meilenweit entfernte Stadt, wo ihre Grossmutter lebt, und gelangt von dort als Haushälterin in die Somalische Botschaft Londons. Weil ihr aber wegen illegaler Einwanderung die Ausschaffung droht, taucht sie unter und schlägt sich jahrelang als Obdachlose in Londons Strassen durch. Eines Tages wird sie vom Starfotografen Terry Donaldson entdeckt und praktisch über Nacht in den glamourösen Modehimmel katapultiert, wo sie internationale Berühmtheit erlangt. Eine Cinderella Story, wie sie schöner nicht sein könnte – bis auf das dunkle Geheimnis, das Diries Leben überschattet und das sie in einem legendären Interview publik macht: Sie wurde mit drei Jahren Opfer der in Somalia üblichen weiblichen Genitalverstümmelung. Mit diesem Geständnis löst sie weltweit Betroffenheit aus. Bis heute setzt sich Dirie tagtäglich gegen dieses grausame und immer noch praktizierte Ritual ein.

Die Verfilmung von Diries gleichnamiger Bestsellerautobiografie wurde am Zurich Film Festival im Rahmen des Out of Competition-Programms als Premiere im deutschsprachigen Raum präsentiert. Die anwesende Regisseurin Sherry Hormann teilte mit dem Publikum bereitwillig ihre Eindrücke vom Set und berichtete von aufregenden Drehtagen in der Wüste mit Statisten, die in ihrem Leben noch nie zuvor einen Weissen, geschweige denn eine Kamera gesehen hätten. Sie betonte zudem, dass Dirie dem Filmprojekt nur unter Bedingung zugestimmt hatte, den inhaltlichen Schwerpunkt auf die Thematik der Genitalbeschneidung zu setzen. Diesen Wunsch führt Hormann auf erschreckend realistische Weise um und lässt den Zuschauer mit einem beklemmenden Gefühl zurück. Besonders bewegend ist die schauspielerische Leistung des Topmodels Liya Kebede, die Waris Dirie mit viel Einfühlungsvermögen und koketter Direktheit verkörpert. Einzelne Handlungsstränge sind leider allzu sehr darum bemüht, dem Film einen hollywoodgerechten Hauch von Romantik und Comedy zu verleihen, obwohl diese Momente durchaus auflockernd und amüsant sind. Auch Diries Umwandlung zum professionellen Topmodel erfolgt etwas abrupt – das Posieren auf Stöckelschuhen scheint die zuvor höchst ungelenke junge Frau allzu schnell gelernt zu haben. Doch davon abgesehen ist Desert Flower ein beeindruckender, berührender und vor allem aufrüttelnder Film.

Laura Frischke


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