Temporär im Kino Riffraff


„Dürft ihr einen Freund haben?“ „Auf keinen Fall!“ Willkommen in der grössten Kampfschule Chinas! Der Dokumentarfilm Drachenmädchen richtet seinen Fokus auf drei Schülerinnen des Shaolin Tagou Instituts. Xin Chenxi, 9 Jahre alt, gehört zum Eliteteam und kam mit dem Ziel hierher, das Fliegen zu erlernen. Jeden Tag besser werden möchte auch die 15-jährige Chen Xi, die vom Reisen und fernen Länder träumt. Huang Luolan, 17 Jahre alt, hielt den strengen Drill der Privatschule nicht mehr aus und ist in die 1’000 km entfernte Metropole Shanghai zu ihren Adoptiveltern geflohen. Nun spielt sie stundenlang Computerspiele. In der Kampfausbildungsstätte wird von früh morgens bis spät abends unerbittlich trainiert. Leistung steht über allem. So geniessen weit über 26’000 Schülerinnen und Schüler keine Freizeit und leben weit weg von ihren Eltern. Die Schule liegt neben dem Shaolin Tempel – dem Ursprungsort des Kung-Fu. Die unterschiedlichen Kerngedanken des Institutsleiters und eines namhaften Shaolin Meisters zeigen auf, dass die buddhistische Lehre des Shaolin Tempels überhaupt nichts mit der Ideologie der militärischen Kampfschule gemein hat.

Die Thematik bedarf einer gewissen Sensibilität des Zuschauers, ansonsten scheint die Gefahr gross zu sein, einem kurzen Nickerchen zu verfallen – der Kollege aus der zehnten Reihe sei gegrüsst. Zwar sind die Auftaktbilder mit Hilfe eines Kamerakrans imposant festgehalten worden, doch zeichnet sich der nichtmoralisierende Dokumentarstreifen vor allem durch die persönlichen Momente mit den drei Schülerinnen aus. Regisseur und Kameramann Inigo Westmeier hat die schwierige Aufgabe gemeistert, das Kindergesicht dreier Mädchen aus der Anonymität der Masse zu heben – sie eröffnen ihm ganz persönliche Gedanken.

Es ist ein wertvoller Film, der jedoch bei dramaturgischen Übergängen ab und zu einen holprigen Eindruck hinterlässt. Drachenmädchen veranschaulicht, welches Opfer eine Gesellschaft geben muss, die dem wirtschaftlichen Aufstieg erste Priorität schenkt: Eltern haben keine Zeit mehr für ihre Kinder und das Familienleben geht flöten. Und das Glück? Es bleibt auf der Strecke und wird stets auf später verschoben.

Lorenzo Berardelli


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