Temporär im Kino Riffraff


Eigentlich mag ich das Wort “Tragikomisch” nicht, selten trifft es aber so zu wie bei Taika Waititi’s Schaffen. Bevor er nämlich mit “Thor: Ragnarok” Teil des Marvel-Franchises berühmt wurde, erzählt Waititi Geschichten über Aussenseiter und das Komische im Tragischen. Ein offener Liebesbrief.

Lieber Taika Waititi,

Eine Mockumentary über Vampire? Wer kommt auf so eine Idee, habe ich mich gefragt. Wer denkt, so etwas könne man verkaufen, habe ich mich gefragt. Aber du hast es einfach gemacht – und wie!  Mit einer Mischung aus kindlicher Naivität und erwachsener “fuck-it”-Attitüde hast du mit deinem Co-Regisseur Jemaine Clement gegen jegliches Kommerzgesetz verstossen und einen so unsexy und uncoolen Pitch in einen komödiantischen Geniestreich verwandelt. Dein Vampir-WG-Portrait ist so leichtfüssig und unprätentiös, dass ich mich sofort in dein Filmschaffen verliebt habe. 

Hinter deinem sofort gegoogelten und für meine Ohren exotisch klingenden Namen verbarg sich aber noch viel mehr als nur Vampire, die mit den Putzregeln einer Wohngemeinschaft kämpfen. In deinen Filmen wie «Eagle vs. Shark» (2007), «Boy» (2010) und zuletzt «Hunt for the Wilderpeople» (2016) kämpfst du stets für den Aussenseiter und zeichnest liebevoll deren Gefühlswelt. Ob dies nun etwas unbeholfene Verliebte, vaterlose Jungen in ärmlichen Verhältnissen oder unangepasste Heimkinder sind.

Was dein Schaffen aber letztendlich ausmacht und deinen Filmen immer einen Platz in meinem Herzen garantiert, ist deine Herangehensweise an das Tragische. Immer wieder schaffst du es nämlich im Tragischen das Leichte zu finden. Das Leben lässt sich nunmal nicht in Genres quetschen, kein Leben ist nur Drama, Komödie oder Thriller. Genauso wenig lassen sich deine Filme in eine (Genre-)Ecke drängen. Lachen und Weinen sind immer nah beieinander – so wie es eben auch im Leben ist. Oft machst du erst auf den zweiten Blick klar, wie tragisch eigentlich die Verhältnisse sind, die du aufzeigst. Der belächelte Tu-nicht-gut-Vater in «Boy» hat einen Hang zu Gewalttätigkeit und wird in keinster Weise seiner Vaterrolle gerecht. Die sympathischen, aber loserhaften Liebenden in «Eagle vs. Shark» sind eigentlich überaus einsame Figuren mit tief schürfenden Problemen. 

Dann wurdest du nach Hollywood berufen. Den neusten Marvelwurf solltest du erschaffen. Ich war begeistert, aber auch etwas besorgt. Die Freiheit zur Leichtsinnigkeit schien bei so einem Riesenprojekt bedroht! Aber nein, auch hier hast du es geschafft deine Handschrift zu bewahren: Dein Humor ist und bleibt auch in der Maschinerie des Über-Franchises unverkennbar. «Thor: Ragnarok» ist meiner Meinung nach der beste Marvel-Film; eine willkommene, farbenfrohe Abwechslung in einer endlosen Reihe von biederen Materialschlachten.

Niemand kann Ernst und Komik so vereinen wie du. Niemand schafft so leichtfüssig grosse Themen zu behandeln wie du. Und niemand schafft es mich so zum Lachen (und Weinen) zu bringen wie du. Danke dafür. Wäre ich Vampir, würde ich mit einem grossen Glas Blut auf dich anstossen und darauf, dass noch viele weitere Aussenseiter bei dir im Mittelpunkt stehen dürfen.

yours truly,

Christine

PS. Die spärlichen Informationen zu deinen neuen Projekten lassen mein Herz auch schon wieder hüpfen: in «Jojo Rabbit» geht es um einen Jungen im Zweiten Weltkrieg und durch Propaganda ein äusserst inakkurates, positives Bild von Hitler hat. Ah ja und wer hat die Eier in einem solchen Film die Rolle des übelsten Bösewichts der Neuzeit einzunehmen? Du natürlich!

…und ah ja: An einem Stop-Motion-Film über Bubbles, Michael Jackson’s Affe, bist du auch gerade noch dran. Ich meine: What’s not to love?

 


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