Temporär im Kino Riffraff


Wer den jüngsten Film des Altmeisters Godard im Kino sehen will, darf keinen Spielfilm, keine erzählerische Struktur erwarten. Sein neustes Werk film socialisme ist in drei Abschnitte gegliedert. Eingangs pflügen wir auf einem Kreuzfahrtschiff durchs blaue Meer. Wie das Wasser so werden auch die Bilder vom starken Blau dominiert. Stückweise wird man in die Welt der Kreuzfahrtreisenden eingeführt, Gesichter werden gezeigt, Fragmente von Gedanken hörbar, manchmal sehen wir Leute sprechen, manchmal hört man nur ihre Stimmen, doch werden sie nie ganz zu Figuren. Vielmehr erweckt die Kamera den Eindruck, man nehme, teils als stummer, unsichtbarer Beobachter, teils als Gesprächspartner der Schiffsreisenden teil. Mit scharf trennenden Schnitten wechselt der Ort des Geschehens zwischen den einzelnen Personen, nur sporadisch erfahren wir ihre Namen. Was sie auf dem Schiff wollen, erfahren wir von keinem.

Der mittlere Teil des Films fragt dann auch „Quo vadis, Europa?“. Diese Etappe des Films gleicht am ehesten einer Erzählung und führt uns zur Tankstelle der Familie Martin, an einer Autobahn im Schweizer Hinterland, wo Florine, eine junge Frau und ihr jüngerer Bruder Lucien, die Welt mit ihrem politischen Disput auf den Kopf stellen (wollen). Was derweil das Lama und der Esel an der Tankstelle machen, sei dahingestellt. Auch dieser Abschnitt ist durch kräftige Farben geprägt, diesmal aber in gelb und rot.

Schliesslich lässt Jean Luc Godard einen Bildersturm auf den Zuschauer niederprasseln, welcher bei literatur- und kunstversierten Menschen zu einer Überbordung an Assoziationen führen dürfte. Mit Zitaten berühmter Philosophen und Schriftsteller wie William Shakespeare, Jean Racine, Walter Benjamin oder Simone Weil, kombiniert mit berühmten Gemälden und Ausschnitten aus Filmen wie Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ dekliniert er anhand der Örtlichkeiten Ägypten, Palästina, Odessa, Hellas, Napoli und Barcelona „Nos Humanités“, die Menschheit durch. Die Primärsprache des Films ist das Französisch, beigemischt hat Godard zudem Lieder und Sätze in Deutsch und Englisch. Jeder Zuschauer muss selbst die Bedeutung dessen, was man in diesem film socialisme zu sehen bekommt, konstruieren. Interpretationshilfe verweigert JLG strikt bis zum letzten Abschlusstitel:„No comment“. Und so könnte man als Zuschauer, von der Anstrengung diesen Film verstehen zu wollen ermüdet, auch in Versuchung kommen, in diesem Film das zu sehen, was die ersten Zwischentitel überschreiben: „Des choses comme ça“. Einfach so Dinge.

Léa Zürcher


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