Kino einfach anders


Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, Schein und Sein, Traum und Wirklichkeit verlaufen manchmal unscharf. Dieser Tatsache trägt der Dokumentarfilm von Sabine Gisiger und Matthias Kälin Rechnung und verzichtet auf den Anspruch auf Wahrheit, der dem cinéma de vérité gerne zugeschrieben wird. Mit geschickt geführten Interviews und zahlreichem Archivmaterial bringen einem die Filmemacher eine faszinierende und zugleich abstossende spirituelle Bewegung näher, ohne darüber zu urteilen. So wird es dem beobachteten Zuschauer möglich nachzuvollziehen, weshalb diese jungen Menschen in Indien ihr Glück zu finden glauben und gleichzeitig einen kritischen Blick auf die Bewegung zu werfen, die auch manipulative und diktatorische Züge in sich birgt.

Zunächst sind da Bilder, wie sie uns aus den wilden 70ern bekannt sind. Zahlreiche bunt und leger gekleidete junge Männer und Frauen mit langen Haaren und Bärten tanzen freizügig und ekstatisch oder meditieren. Es herrscht ausgelassene Stimmung, man befreit sich von gesellschaftlichen Zwängen und Normen, ist auf der Suche nach dem Ich, nach einem neuen Bewusstsein. Es handelt sich um die Neo-Sannyasin-Bewegung unter Baghwan Shree Rajnees, eine der einflussreichsten spirituellen Bewegungen, der vor allem junge, gebildete Westler angehörten. Auf diese spirituelle Reise begibt sich Hugh, ein junger Engländer, der sich in Indien vom Lehrer, der sich selbst Bhagwan nennt (Bhagwan bedeutet soviel wie der Göttliche), Antworten erhofft auf die Fragen, die ihn seit seinen persönlichen spirituellen Erfahrungen nicht mehr loslassen. Auch Sheela, eine junge charismatische Inderin, möchte ihr Leben gänzlich Bhagwan und seiner Lehre widmen. Während Hugh zum persönlichen Leibwächter des Oberhaupts der Kommune wird, übernimmt Sheela mit Hingabe die ehrenhafte Aufgabe als Bhagwans Sekretärin. Der paradiesische Zustand von Leichtigkeit, freier Liebe und Harmonie, in dem die Tausenden von Anhänger Bhagwans leben, droht aber spätestens in den USA, wo sich die Kommune unter skeptischen Blicken der Behörden und Einheimischen niederlässt, ins Gegenteil zu kippen. Bhagwan, der zunehmend Rolls-Royces und Drogen verfallen ist, lässt die Kommunemitglieder mehr arbeiten und Wahlkampagne betreiben denn meditieren. Sheela wird allmählich paranoid angesichts der Bedrohung von aussen und Hugh beginnt an der ganzen Sache zu zweifeln, bis er aus der vermeintlich toleranten Gemeinschaft verstossen wird.

„Where did it begin to go wrong?“ Dies ist die Frage, die die Filmemacher den ehemaligen Anhängern Hugh Milne und Sheela Birnstiel stellt, und die sie sich auch selbst immer wieder stellen.Vielleicht beginnt die Bewegung gefährliche und manipulative Züge anzunehmen, als Bhagwan vom neuen Menschen spricht, den er erschaffen will, dem „spirituellen Materialisten“, dem östlich denkenden Westler. Darin selbst liegt schon das Paradox.Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erliegt das Oberhaupt der Sannyasins selbst dem verführerischen westlichen Konsumdenken. Auf die Frage, wo sich das Blatt zu wenden beginnt, gibt es keine exakte Antwort. Auch hier verlaufen die Grenzen zwischen gemeinsamer spiritueller Gesinnung und sektiererischer Doktrin unscharf.

Die Filmemacher lassen dem Zuschauer genügend Raum, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Und vielleicht regt der Film so manchen, der die nackten Männer und Frauen, die aufeinander einschlagen und sich anbrüllen, um so zur absoluten Leere für die anschliessende Meditation zu gelangen, voreilig belächelt, an innezuhalten und sich selbstkritisch zu fragen: Wie sehr lasse ich mich selbst blenden? Woran glaube ich? An meine eigene Wirklichkeit, oder diejenige eines anderen?

Anja Schulthess


Weitere Filmkritiken