Temporär im Kino Riffraff


Ein kleiner Junge und eine alte Frau gehen Hand in Hand durch ein ärmliches, heruntergekommenes Quartier ausserhalb von Manila – unklar, wer hier wen beschützt. Es regnet und stürmt, das schüttere weisse Haar der alten Frau weht im Wind und Mülltüten und Abfall wirbeln durch die Luft. Sie gehen vorbei an riesigen, hässlichen Betonmauern. In einer düsteren Ecke machen die beiden Halt und die alte Frau kramt eine Kerze aus ihrer Tasche, die sie mit Mühe und zittrigen Händen endlich anzuzünden vermag. Sie stellt die Kerze in die Ecke und die beiden gehen langsam fort. Die Kerze wird wohl nur kurz brennen, an diesem Ort, an dem der Enkel der Alten ein Tag zuvor erstochen wurde.

Mit dieser berührenden Szene beginnt Mendozas Film, der in erster Linie durch  Authentizität und seinen respektvollen Blick auf das Schicksal einfacher Menschen überzeugt. Eindrucksvoll erzählt er die Geschichte von Oma Sepa, die ihren Enkel durch einen unglücklichen Zwischenfall verliert. Zwischenfall, weil Raubmord in der verarmten Gegend an der Tagesordnung liegt. Für Trauer bleibt der Grossmutter und ihrer Familie keine Zeit. Sie müssen Geld auftreiben, um wenigstens für ein würdiges Begräbnis des Verstorbenen zu sorgen und Strafanzeige gegen den Mörder zu erheben. Doch auch der Täter hat Menschen, die zu ihm halten. Allen voran seine Grossmutter, die sich vor ihrem Tod nichts sehnlicher als eine zweite Chance für ihren Enkel wünscht. Täglich besucht sie diesen im heruntergekommenen Massengefängnis und bringt ihm Mangos und Reiskuchen mit. Bei der Gerichtsverhandlung begegnen sich nun die zwei alten Frauen – beide bereit, alles für ihre geliebten Enkel zu opfern.

Die komplexe Geschichte, die auf einer tatsächlichen Begebenheit beruht, zeigt vielschichtige Charaktere, für die wir alle Sympathie empfinden. Selbst für denjenigen, der auf der Anklagebank sitzt. Dies ist vor allem Mendozas subtilem Gespür für die  Schicksale dieser Menschen und seiner genauen Beobachtungsgabe zu verdanken. Der stark dokumentarische Stil verleiht dem Film ein hohes Mass an Authentizität, ohne dabei nüchtern zu wirken. Selbst der ständige Regen, der das Innenleben und damit die Trauer der Figuren bildlich ausdrückt, ist niemals aufgesetzt oder plakativ. Die langen Einstellungen und die Aufnahmen mit Handkamera mögen zuweilen etwas ermüden. Dies nimmt man als Zuschauer aber gerne in Kauf. Mendoza ist ein wunderbarer Film gelungen, der uns das Leben dieser Menschen mit Respekt und ohne zu beschönigen zeigt. Beeindruckend für europäische Augen ist auch der Umgang, der in dieser Kultur mit älteren Menschen gepflegt wird. Und wir können nur staunen, dass diese einfachen Leute trotz Armut und Trostlosigkeit niemals ihr Lächeln und ihren Mut verlieren. Eine Verklärung ist das nicht.

Anja Schulthess


Weitere Filmkritiken