Temporär im Kino Riffraff


Kein Thema dieser Welt kann man mit zwölf Filmen genügend gut behandeln. Das wird uns bei der Filmstelle jedes Semester klar, spätestens wenn wir gezwungen sind, das neue Programm per demokratischer Abstimmung zu wählen. Egal welches Thema wir während eines Semesters behandelt haben, bei der Schlussabstimmung werden wir dutzende – ja, über hundert! – Filme gesehen haben. Alt und neu, stumm und laut, grau und bunt … und viel zu viele davon wirklich gut. Jetzt zeigen wir euch eine Auswahl zum Thema „High Tech, Low Life?“: die Beziehung zwischen Menschenschicksalen und Technologie. Jeder Film bringt eine andere Technologie und eine andere Einstellung dazu auf die Leinwand, und ist dabei filmisch immer top. So eine Auswahl war aber eben auch nur möglich, indem viele gute Filme schlussendlich ausgeschlossen werden mussten. Einige davon sollen euch also hier nähergebracht werden. Für die Leute unter euch, die über unseren Zyklus hinaus zu Hause – mit Partner*in oder allein – ein wenig experimentieren wollen.

 

Kubricks Dr. Strangelove und Full Metal Jacket

Stanley Kubrick hat einen quantitativ überschaubaren Katalog an Filmen, in dem aber allerlei Themen behandelt werden. Gefühlt jedes Semester findet mindestens einer seiner Filme den Weg in unsere Diskussionen. Dieses Mal haben wir 2001: A Space Odyssey an den Anfang des Semesters gesetzt und mussten dafür zwei andere Klassiker streichen. In Full Metal Jacket werden aus Menschen Tötungsmaschinen gemacht. Von Anfang an lernen hier die Soldaten, ihr Gewehr wie einen Teil ihres Körpers zu lieben (jaja, richtig phallisch und so). Später sehen wir dann, wie sie mit der Macht ihrer Maschinen Vietnam in ein Inferno verwandeln und dabei Mickey-Mouse-Lieder singen. In Dr. Strangelove eskaliert der kalte Krieg aus einem dummen Missverständnis heraus und die Menschheit wird aus purem Wahnsinn und schierer Inkompetenz dem Untergang geweiht. Ikonisch ist dabei die Szene, wie eine Atombombe abgeworfen wird und der verantwortliche Captain in Cowboy-Manier darauf reitet.

 

The Atomic Café

Apropos Weltvernichtung durch Atombomben: Dazu gibt es noch diese Doku hier, bei der einem die unglaubliche Angst erläutert wird, mit der die Menschen im kalten Krieg lebten, aber auch mit welchen hanebüchenen Erklärungen Zuversicht verbreitet wurde. Wenn die Atombombe während dem Unterricht einschlägt: „Duck and Cover“ und alles geht gut, erzählt uns eine sprechende Schildkröte. Falls die Welt während dem Picknick untergeht, verzieht man sich schnell unter die Picknick-Decke. Ach und wussten Sie schon, dass für Atombombentests ethnische Säuberungen durchgeführt worden waren? Diese Doku bringt einen nicht immer zum Strahlen, aber einen Test ist sie wert.

 

Electric Dreams

Her war gestern… und Electric Dreams war vorgestern! Auch hier gibt es Liebesgewirr zwischen einem charmanten Hauptdarsteller (Lenny Von Dohlen, bekannt aus Twin Peaks und einfach rawr!) und seinem Computer. Denn beide verlieben sich in dieselbe Frau, aber nur einer von ihnen hat genug Rechenleistung, um die Frau für sich zu gewinnen. But wait, there’s more: Das Ganze ist mit all den zu gross geschnittenen Anzügen, Frisuren, den Neonfarben und vor allem dem Synth-Soundtrack eine 80s-Extravaganza vom Feinsten. Da muss auch der seriöseste Cineastensnob sagen: Elektrisierender als in deinen kühnsten Träumen!

 

Mon Oncle

OK, nicht jeder ist Fan von Jacques Tatí, aber niemand kann ihm absprechen, ein einzigartiger und enorm kreativer Filmemacher gewesen zu sein. Selber startete er seine Karriere als Bildeinrahmer und danach als Pantomimenkünstler. Beides zeigt sich in seinen Filmen: jede Einstellung stimmig wie ein Gemälde, es wird kaum gesprochen und es gibt lauter kreative Gags mit Slapstick und Situationskomik. In Mon Oncle wird das moderne Leben mit den zu lauten und teils komplett sinnlosen Haushaltsgeräten auf die Schippe genommen. Die künstliche und unterschwellig lebensfeindlich wirkende Vorstadt-Ästhetik steht im Kontrast zur guten alten französischen Vorstadt, wo die Hunde durch die Gassen jagen und im Hintergrund ein Akkordeon zu hören ist. Jacques Tati ist in seiner ikonischen Rolle des Monsieur Hulot zu sehen, wie er pantomimisch mit den fürchterlich geschmacklosen Innovationen zu kämpfen hat. Langsam, melancholisch und zum Totlachen!

 

Terminator 2: Judgement Day

Joa, das ist der gute alte Arnold Schwarzenegger wie er eine Maschine spielt, die… wart mal, du hast noch nie Terminator 2 gesehen?! Wieso liest du dann überhaupt unseren Blog? So ein Mainstream-Trash-Hit ist Pflicht, also los! Anschauen! Mehr sag ich nicht dazu.

 

Farewell

So, zurück? Dann geht’s weiter mit einem Blick auf die Industrialisierung im Ostblock. Elem Klimov (bekannt durch seinen Kriegsfilm Come and See) richtet hier unseren Blick auf ein Dorf, das evakuiert werden muss, weil das gesamte Gebiet für ein Wasserkraftwerk geflutet wird. Einfühlsam und bisweilen poetisch sind die Szenen, in denen die verschiedenen Bewohner über ihr altes Leben auf dem Land und über den Fortschritt sinnieren. Die Maschinen sind hier Antihelden, denn niemand kann ihre Vorteile abstreiten, aber die Zerstörung des Dorfes – und alles, wofür dieses Dorf steht – durch die Maschinen ist unaufhaltsam. Der Film ist ein wertvolles Zeitzeugnis und eine starke künstlerische Leistung noch dazu.

 

RoboCop 

Für diesen Film fehlen mir einfach die Worte. Wer Verhoeven noch nicht gesehen hat, muss sich mal in seiner Filmographie umschauen. Achtung! Genuine künstlerische Leistungen und erhabene Ästhetik hält dieser Filmemacher nicht bereit. Er kommt ohne aus, seine Filme sind subversive Antifilme voller Witz, Charme und Ideologiekritik. RoboCop ist eine schlechtere Version von Terminator und eine viel viel bessere zugleich!

Carlos Hartmann


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