Temporär im Kino Riffraff


Dominique (sehr überzeugend: Florentine Krafft) ist eine junge Berliner Hipsterin mit Uma-Thurman-Frisur und Schriftstellerambitionen. Doch in letzter Zeit fehlt ihr die Inspiration. Um ihre Schaffenskrise zu überwinden, will sie aus ihrem Alltag ausbrechen. Sie schnappt sich also ihren dicklichen Freund Deniz (José Barros), ein türkischer Dönerverkäufer, und los geht die Fahrt – ins Wallis.

Tempo Girl – der Titel passt. Der Film rauscht rasant vorwärts, der Spannungsbogen ist gespannt. Und doch bleiben gewisse Zusammenhänge im Dunkeln. Warum verschlägt es die beiden Berliner ausgerechnet ins Wallis? Die kleine Wohnung in einer Tankstelle bietet schliesslich weder Nähe zur Natur, die man bei einer Flucht in die Walliser Bergwelt erwarten könnte, noch sonst irgendwelche Anregungen. Einzige Unterhaltung ist ein Stripclub, wo Dominique bald Arbeit sucht (und findet) mit dem Wunsch „einfach etwas zu fühlen“.

Nur ein Blick in die Biographie des Schweizer Regisseurs Dominik Locher verschafft Klarheit über diese merkwürdige Entscheidung: Selbst in einem abgelegenen Alpental aufgewachsen, schätzt er den Kanton Wallis als „schweizerisches Texas“ – romantisch und unnahbar wild zugleich. Der Schweizer Kanton also als Mythos im Kontrast zum Mythos Berlin? Diesen Eindruck erweckt Locher mit stimmungsvollen Bildern. Das graue, verschneite Berlin steht im krassen Gegensatz zu den sonnendurchfluteten Bergtälern.

Doch die anfänglich friedlichen, sogar liebevollen Stunden im Wallis sind rasch gezählt. Denn da ist noch Arnold, der auto- und frauenvernarrte Sohn der Nachtclubbesitzerin. Bald keimt ein Konflikt mit noch nicht absehbaren Folgen zwischen den beiden Grossstädtlern (sprich Fremden) und dem kleinen Alpentalkönig auf, was sogar ein paar blutige Szenen liefert.

Tempo Girl – die Geschichte einer Generation? Vielleicht eine etwas gewagte Formulierung. Doch der Streifen greift ein wichtiges Thema auf: Sinn- und Inspirationssuche in einer Gesellschaft wo „alles kann und nichts muss“. Stolpern auf diesem Lebensweg ist beinahe obligatorisch, doch Dominique rappelt sich immer wieder auf, brüllt ein befreiendes „Ficken!“ in das stille Tal und schlägt am Ende sogar Profit aus diesem Walliser Abenteuer.

Anja Schmitter


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