Temporär im Kino Riffraff


Umrika – ausgesprochen Amrika – steht für den viel beschworenen und versprochenen Mythos vom „American Dream“, wie er lange propagiert wurde von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – exzessiv gefeiert von der Popkultur der 80er. Der Film Umrika spielt mit diesen Klischees und Referenzen – von Knightrider bis Madonna – und versucht dabei, den Spagat zwischen luftiger Komödie, Auswandererdrama, Porträt der indischen Gesellschaft und Liebesgeschichte.

Udaj möchte den Traum von Umrika verwirklichen und verlässt sein idyllisches, aber rückständiges indisches Dorf. Er verabschiedet sich von der Gemeinschaft und seiner in Tränen aufgelösten Mutter. Die Geschichte wird fortan durch den jüngeren Bruder Rama erzählt, der bei der Familie in Indien zurückbleibt. Täglich werden Udajs Briefe aus der neuen Welt erwartet. Besonders seine Mutter macht sich grosse Sorgen, als die Briefe auch nach längerer Zeit ausbleiben.

Bis eines Tages endlich doch die erhofften Briefe eintreffen und das Dorf beleben und Udajs Mutter mit Stolz erfüllen. Doch – das scheint bald klar – ihr Mann schreibt sie anstelle des ausgewanderten Sohnes, um die Mutter zu beruhigen. Damit die Glaubwürdigkeit der Briefe erhöht wird, sind sie gespickt mit Fotos und Geschichten aus Amerika, die wegen fehlender Authentizität aus einer Reihe von Stereotypen und popkulturellen Anspielungen bestehen, beklebt mit ausgeschnitten ausgeschnittenen Bildern aus Zeitungen und Magazinen. Das ist selbstironischer, leichtgängiger Humor à la Almanya, diesem filmischen Kleinod, das kulturgeschockte türkische Einwanderer im Deutschland der 1960er porträtiert. Und es ist ein kluges Spiel mit Referenzen zur amerikanischen 1980er Popkultur, wie es momentan wieder en vogue ist – wie in dem wunderbar trashigen Kurzfilm Kung Fury. Das funktioniert.

Im zweiten Teil des Films macht sich der eigentliche Protagonist – der jüngere Bruder Ramakant – auf den Weg, um Udaj zu finden. Denn die Briefe bleiben plötzlich wieder aus, irgendetwas muss vorgefallen sein. Wir schauen ihm zu, wie er im Stile von Slum Dog Millionaire, auf Suche nach seinem Bruder und eigenem Glück, an die Grenzen der indischen Gesellschaft stösst. Mit diesem Versuch, mehr Tiefe einbringen zu wollen, scheitert der Film dann aber, weil er es nicht schafft, sich von Oberflächlichkeiten zu lösen. Das Kastensystem und die schlechten Aufstiegschancen in der indischen Gesellschaft werden von einem schmierigen, korrupten Beamten in Gaddafi-Gedächtnisklamotten dargestellt, das muss reichen. Ein scheuer Blick und ein Kuss für die Liebesgeschichte, that’s it. Der Hang zu sentimental überzeichneten Szenen brennt wie Curry in den Augen – das ist zuviel und das ist vor allem unnötig. Was der Film eigentlich will, bleibt unscharf, dafür springt er zu schnell zwischen seinen eigenen Vorstellungen.

Dass Umrika gegen Ende doch nicht abfällt, ist den anhaltenden popkulturellen Referenzen zu verdanken. In einer wunderbaren Szene sehen wir dem jungen Liebespaar bei ihrem ersten Date im Kino zu, sie sehen sich Indiana Jones and the Temple of Doom an, den Film, in dem Indy dutzende Inder den Krokodilen zum Frass vorwirft. Ein Vorgang, der dem indischen Kinopublikum zu missfallen scheint. In diesen Momenten lebt Umrika vom Spiel mit kulturellen Stereotypen. Solche Szenen sind es dann auch, die den Film am Leben halten, sodass er unterhaltsam bleibt. Zumindest für ein westliches Publikum, mit Freude an Referenzen und leichten, kitschigen Geschichten.

Alexander Streb


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