Temporär im Kino Riffraff


Yeah, Weihnachtsfilme! Ich glaube, dieses Jahr ist es legitim zu sagen, dass Netflix in das Weihnachtsfilmgeschäft eingestiegen ist. Schon in den letzten beiden Jahren kamen vereinzelte Filme heraus, dieses Jahr jedoch ist meine Startpage voll mit Eigenproduktionen, seien es Filme oder Serien, meist US-amerikanisch, aber durchaus auch internationale Produktionen. Teenies an Weihnachten, Cinderella an Weihnachten, Zwillinge an Weihnachten, ein Prinz aus dem Mittelalter, ein Prinz aus einem fernen Land, eine Prinzessin aus einem fernen Land, Weihnachten in einem fernen Land, magische Adventskalender, Erbschaften… Nun, Weihnachtsfilme schauen ist so ein Hobby von mir, dem ich jedes Jahr ab November fröne, weshalb ich das natürlich super fand. Auch wenn ich sonst nicht viel mit Weihnachten anfangen kann, so unromantisch und kitschresistent ich die restlichen zehn Monate des Jahres bin – in der Weihnachtszeit (November/Dezember) mag ich es (auf der Leinwand oder dem Bildschirm) romantisch, kitschig, vorhersehbar und mit Happy End und zum mitweinen. Natürlich habe ich mich sofort auf diese Filme gestürzt. Nach knapp zwei Monaten des mich-durch-meine-top-picks-Schauens, ist es Zeit für ein Fazit. 
Hier ist, was ich aus den acht Netflixweihnachtsfilmen, die mich am meisten beschäftigt haben, über Weihnachten (und das Leben) gelernt habe: 

 

Schnee. Nicht in allen Weihnachtsfilmen schneit es, denn Schnee ist halt schon ein eher lokales Wetterphänomen. Wenn es aber schneit, macht es alles besser. (Die Mehrzahl dieser Filme wurde wahrscheinlich in einer Starbucksfiliale in LA geschrieben von Leuten, die nie bei Schneefall mit dem Bus zur Arbeit müssen.) Und es macht alles eben ein bisschen magischer – weil es unerwartet ist, weil es grad zur Stimmung passt oder weil jemand sagt: „christmas magic“, „a christmas miracle“ o.ä.

 

Magie. Ach, das kennst du doch aus deiner persönlichen Erfahrung, Weihnachten ist einfach entspannt und glücklich und magisch. – Ja, kenn ich auch nicht, drum schau ich Weihnachtsfilme. Magie reicht dabei vom simplen zeitlich gut gelegenen Schneefall bis zum magischen Adventskalender der kürzlich verstorbenen Oma, der dir die Zukunft voraussagt und dich mit deiner wahren Liebe zusammenbringt (The Holiday Calender). Zahlreiche Zwischenstopps bei gutmütigen, schrulligen alten (weissen) Männern, die manchmal als Santa verkleidet sind, manchmal in Zivil gute Ratschläge und noch bessere Weisheiten von sich geben (Bsp. The Princess Switch).

 

Glauben. Weihnachten ist immer ein guter Moment zu den eigenen – christlichen – Wurzeln zurückzukehren. Dabei wird Religiöses nicht thematisiert, die Filme triefen aber vor christlicher Moral und Symbolik, die dadurch, dass sie nicht angesprochen wird, halt als Normalfall stilisiert wird. Aber hey, anscheinend regt Weihnachten auch das Bedürfnis in Menschen anderer Glaubensrichtungen an, ihre Traditionen zu leben. Das tun sie nicht in diesen Filmen, aber es wird gezeigt, dass wie wichtig es ihnen ist (Bsp. Happy Merry Whatever).Wichtig dazu sind familieneigene Traditionen, wie zur Kirche gehen, unglaublich viele Dekorationen zu kaufen, absurd viele Lichterketten aufzuhängen & so viele Geschenke, wie möglich zu kaufen.

 

Kinder. Haben die Protagonist*innen nicht, wollen sie aber sicher mal in Zukunft und tun drum alles um Geschwistern oder Kindern von Bekannten das bestmögliche Weihnachten bieten zu können. Dieser Punkt könnte auch „Geschenke“ heissen, denn das Worst Case Weihnachtsszenario ist in vielen Filmen, den Kindern nicht das schenken zu können, was sie wollen oder gar nichts schenken zu können. Solche materiellen Ängste sind oft Probleme von Nebenfiguren, denen die Protagonist*innen helfen. Weil Nächstenliebe – oh hallo Punkt 2. (Bsp. Knight before Christmas)

 

Freund*innen. Was wäre Weihnachten ohne sie? Speziell erwähnt werden muss hier A Cinderella Story. Die beste Freundin in diesem Film hat nicht nur guten Rat, sondern näht ein Ballkleid für – naja, der Titel sagt wirklich schon alles. Traditionellerweise helfen beste Freund*innen in Weihnachtsstimmung zu kommen, indem sie den Weg zum Love-interest ebnen. Freund*innen sind vor allem bis zu Weihnachten wichtig, Weihnachten wird dann aber im Kreis der Familie gefeiert, gell, beste Freund*innen nur erlaubt, wenn die beiden in der Vorweihnachtszeit zusammengekommen sind. Doch ich greife vor, das kommt später nochmals.

 

Familie. Weihnachten zeigt uns den Wert der Familie. Oma, Opa, Mutter, Vater und im Zentrum: das, meist weisse, fast ausschliesslich heterosexuelle Paar, das entweder verheiratet ist und wieder zusammenfindet oder das heiraten will.

 

Der Ort. Weihnachten geht überall, weil unsere Liebsten unser zu Hause sind (Schön, wahr und ich muss schon ein bitzeli weinen.) Ob wir also mit der Grossfamilie in unserem super grossen Haus feiern oder ob wir im kleinstädtischen Waffelrestaurant in den USA eine Party schmeissen (Teenager, waren wir nicht alle mal so? – Let it snow), wo auch ein super bekannter Popstar mitfeiert, weil er sich im Zug in eine Teenagerin mit Lateinamerikanischen Wurzeln (alle ihre Familienmitglieder sprechen mit sehr viel Akzent) verliebt. Oder in Afrika (Holiday in the Wild), weil wir nach der Scheidung plötzlich das Bedürfnis haben auf einer Elefantenaufzuchtstation in Afrika (ich glaube, es wird ein einziges Mal im ganzen Film davon gesprochen, dass sie nach Namibia geht, oder es ist ein Namibia-Reiseführer im Bild. Ansonsten heisst es: Afrika) zu sein. Und mit Liebsten meine ich natürlich: die grosse Liebe.

 

Liebe. Wer kennt es nicht: du musst eine Geschichte über einen Prinzen schreiben und zack-zack-dumm verliebt ihr euch beim Schlitteln (A Christmas Prince). Oder du merkst, dass es eigentlich schon immer dein bester Freund war. Zitat: „It has always been you.“ (The Holiday Calender). Weihnachten eignet sich dafür, sich auf den ersten Blick zu verlieben, sich gegenseitig Liebe zu gestehen, verloben und heiraten. In der A Christmas Prince Reihe wird uns die richtige Reihenfolge vorgelebt und der dritte Film zeigt, dass Weihnachten auch zum Gebären ein guter Zeitpunkt ist. Erwähnt werden muss hier die Serie Merry Happy Whatever, in der sich Ashley Tisdales Figur outet. Sehr schön, wie ihre Familie darauf reagiert, auch wenn es sich eher danach anfühlte, dass sie das aus ihrem überbordenden „Christmas Spirit“ machen.

 

Was, du magst Weihnachten nicht????! Wer Weihnachten nicht mag hat ein Trauma, meist ein Vater- oder allgemein Familiending. Das können sowohl erfolgreiche Männer oder Frauen sein. Good News: Es kann ganz einfach überwunden werden, denn denn er (oder sie) hat einfach noch nicht die richtige Partnerin (Partner) gefunden, um in Weihnachtsstimmung zu kommen. Ganz schreckliches Beispiel: Weihnachten erinnert dich an deine dieses Jahr verstorbenen Eltern? Fear not, denn ich bin ja da (The Knight Before Christmas). Obwohl bei Frauen der Grund dafür, dass sie keine Weihnachten mögen ja gar nicht solche Erinnerungen sind, sondern, dass sie einsam sind. Denn jede starke und/oder erfolgreiche Frau ist einsam an Weihnachten, weil sie durch ihre berufliche Ambitionen keine Familie hat. Denn seien wir ehrlich – eigentlich ist das ja alles, was sie will. Sie braucht halt einfach einen Mann um in Weihnachtsstimmung zu kommen. Das ist eine ganz ganz schlimme Message, die uns diese Filme vermitteln, dass ich sie nochmals ohne Zynismus zusammenfassen möchte. Erstens, Einsamkeit an Weihnachten ist für viele Menschen belastend und ein sehr reales Problem. Zweitens, Traumata und schlimme Erlebnisse gehen nicht weg, weil man in einer Partnerbeziehung ist. Sorry Hollywood, heterosexuelle christlich verbundene Liebe heilt auch mit dem grössten Verlobungsring nicht alle Wunden.

 

Plot. Netflix zeigt uns mit diesen Weihnachtsfilmenmassenfabrikation, dass jede Geschichte an Weihnachten spielen kann. Viele dieser Filme sind Geschichten, die wir bereits kennen und die mehr oder weniger unmotiviert in ein US-amerikanisches Weihnachtssetting verpflanzt wurden. 

Fazit: Ein Weihnachtsfilm soll uns ja ein wohliges Gefühl geben, wie wenn wir selber vor dem Cheminéefeuer auf dem von Opa geschlossenen Bärenfell liegen würden. Wir sollen uns gut fühlen, in der Mitte vielleicht kathartisch etwas weinen, aber am Schluss sollen wir ja aufstehen, den Weihnachtsbaum schmücken und Geschenke einkaufen gehen (Apropos, hat jemand gezählt, wie oft in Happy Merry Whatever von Pepsi Cola gesprochen wird? Und hat sonst noch jemand Lust auf ein Glas?). Alles ist an Weihnachten magischer und toller und mehr Happy-Ending-lastiger als sonst. Die Filme, die alle miteinander verbunden sind (etwas ungeschickt, denn sie schauen ihre Filme gegenseitig auf Netflix, ruft doch mal Marvel an, wie das richtig geht), bauen eine ‚moderne’ Märchenwelt auf, die in den oben ausgeführten Punkten einen Filter über ihre Inhalte legen. Diese Filter blenden wichtige gesellschaftliche Themen aus und repräsentieren nur einen kleinen Teil der Gesellschaft (weiss, meist sozial und finanziell gut gestellt). Dadurch dass sie idealisierte Märchen sein möchten und in der Gegenwart spielen, zeigen sie uns eine Idealwelt. Nun, viele Filme tun das, lassen uns träumen, das ist ein Grundstein des Hollywoodsystems. Kritisch bei diesen Weihnachtsfilmen finde ich die konservative, latent christliche und höchst kapitalistische Moral, die uns in dieser Menge vermittelt wird. Gerade da, wo man Werte und Normen so verdeckt vermittelt bekommt, bleibt es hängen. Schon die Nazis wussten, Liebesfilme sind am besten geeignet für Propaganda. 
Also in kurz, Weihnachtsfilme schauen ja, alles glauben und nachmachen nein. Und ehrlich gesagt, ich würde mir einen Weihnachtsfilm wünschen, an denen alle ihre Familie schlimm finden und dann lieber mit ihren Freund*innen Glühwein trinken und feiern gehen. 

 

Hélène Hüsler

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