Cinema simply different


Das ist einer dieser Kinobesuche, die mehr bieten als einfach nur einen Film und Popcorn: Es ist vielmehr ein Versprechen, ein Ereignis, auf das viele hin fieberten. Es gibt den neuen Star Wars, den neuesten Marvel-Blockbuster, irgendeine Fortsetzung einer Jugendschmonzette mit Vampiren oder Mr. Grey entstaubt mal wieder die Reitpeitsche. Und dann gibt es die Filme, die eine Trilogie oder Reihe beenden bis sie dann vermutlich irgendwann doch wieder wiederbelebt – neudeutsch: rebootet – oder fortgesetzt werden.

Aber erstmal glaubt man dem Versprechen der Produzenten und Verleiher, dass hier und jetzt alles zu Ende geht und der grosse Moment endlich gekommen ist: Alle offenen Fragen werden beantwortet, jeder noch so kleine Knoten im Handlungsstrang wird gelöst und hoffentlich kommt die juvenile Heldin endlich mit dem blassen romantischem Schelm zusammen,… oder brennt sie letztendlich doch mit dem Werwolfsbengel durch?

Eine Ära geht zu Ende und alle sind zur Abschlussparty eingeladen. Und wie das so ist, wenn man eine gefühlte Ewigkeit wartet, hingehalten mit Cliffhangern und gefoltert wird mit nochmaliger Zerteilung des letzten Films, ist so mancher einfach nur noch müde und fleht geradezu das Ende herbei. Keine der bekannten Reihen hat dieses Prinzip so durchexerziert wie die Marvelfilme, sodass gar ein ganz neuer Begriff kreiert werden musste, um der Dimension gerecht zu werden: Das Marvel Cinematic Universe.  Und so ein Universum ist eben zumindest gefühlt endlos. Also traut man dem Braten, dem alles beendenden Endgame irgendwie doch nicht ganz. Und irgendwie hört man das Magengrummeln der anderen Kinogänger, die Bammel vor der Zeit haben, wenn ihnen Marvel nicht mehr sagt, was sie ein bis zwei Mal im Jahr anschauen sollen. Aber irgendwas werden sich die hohen Tiere in der Disney-Konzernzentrale schon einfallen lassen, damit die Kuh weiter gemolken werden kann und der Durchschnittskinogänger nicht plötzlich mit dem Denken anzufangen braucht. Und so viel sei verraten, Endgame will und kann – und auch das konnte man sich denken – nicht alles beenden, alle Kostüme der Altkleidersammlung spenden und hinter sich das Licht ausmachen. Es wird also sicher noch Marvel-Filme geben, was nicht wenige im Kinosaal ächzen, aber viele Fans aufatmen lässt, im Wissen, dass zumindest ein paar ihrer Helden die Strumpfhosen nicht an den Nagel hängen werden.

Was muss man sonst noch sagen zu so einem Ereignis?  Ah ja, es gab auch einen Film zu dieser seit über 10 Jahren andauernden Reise (2008 hat alles mit Iron Man  angefangen. Die Älteren können sich vielleicht erinnern), der gespickt ist mit den bekannten Zutaten aus dem Marvel-Gewürzschrank: Humoriges Sprücheklopfen und Buddy-Sticheleien, Robert Downey Jr, Spektakel, Cameos und Easter Eggs bei denen der versierte Marvel-Kenner den Sitznachbarn mit dem Ellbogen in die Rippen piksen kann «Das ist doch der…!?», und einige «Woawhoo!-Legolas surft vom Olifantenrüssel-Momente». Diesmal wird das Ganze noch abgerundet mit Zeitreise-Humor («Was muss man bei Zeitreisen beachten?» – «Niemals mit sich selbst reden und keine Sportwetten abschliessen?»). Leider nützen die besten Gewürze nichts, wenn am Knochen kein Fleisch ist, und man vergessen hat die Lücken zwischen den Sprüchen und Spektakel mit einer Geschichte zu füllen. Oftmals hat man das Gefühl eine nicht endende Best-Moments Episode einer x-beliebigen Serie zu sehen, nur ist eigentlich gerade kein Autorenstreik in Hollywood. Und darum war der Herr der RingeMarathon mit allen drei Filmen, den ich anno 2003 (über acht Stunden inkl. allein über drei Stunden Return of the King nach Mitternacht) genoss, bei weitem kurzweiliger als diese drei Stunden, in denen in Endgame alles wie in einem Michael Bay Film in Zeitlupe abzulaufen scheint (aber oft gar keine Zeitlupe zum Einsatz kommt).

Die Fans wird das nicht stören und aus Dank für die vielen schönen Stunden mit den Marvel-Helden (mit Ausnahme der letzten Drei) werde ich mich zurückhalten und auf eine Wertung verzichten.

Aber am Schluss glaubt man doch einige Stimmen im Kinosaal zu vernehmen, die ein erleichtertes «Endlich» ausschnaufen.

Alex Streb


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