Cinema simply different


Ah, wer könnte sie vergessen. Diese Szene gleich am Anfang. Eine räumliche, gemütliche Küche, das Knacken von Popcorn in der Luft. Mittendrin eine blonde Drew Barrymore, in weissen Jeans und beigem Strickpullover. Telefon in der einen Hand, Messer in der anderen und ein angstverzerrtes Gesicht. Amerikas Sweetheart steht schreiend da, während die männliche Stimme am Telefon fragt: „Do you like scary movies?“

Und kurz darauf hängt Drews Figur an einem Baum – ausgeweidet versteht sich.

So viel zur Anfangssequenz von Scream (1996).

 

Bei einigen klingeln jetzt vielleicht die Alarmglocken. Keine Panik, Scream ist unterhaltsam und witzig … wirklich. Dieser etwas „gore-ige“ Anfang gehört nämlich zu einem Film, der sich selbst und das Horrorgenre, genauer gesagt das Slasher- Genre, humorvoll und selbstreflexiv kommentiert. Und für ein solches Unterfangen benötigt es natürlich jemanden, der eben dieses Genre wie seine eigene Westentasche kennt; jemanden wie Wes Craven, zum Beispiel. Als sich in den 90ern in der Horrorlandschaft weit und breit nichts tut, schriebt Kevin Williamson (Dawson‘s Creek) das Drehbuch zu Scream an einem einzigen Wochenende, das Craven mit einem 14 Mio. Dollar Budget verfilmt und damit weltweit über 170 Mio. einspielt. Mit einer weissen Maske – basierend auf dem Gemälde Der Schrei von Edvard Munch – hier, und etwas „frischem“ Blut da, ist mit „Ghostface“ ein neuer Kult-Mörder erschaffen. Zwölf Jahre zuvor hatte der Regisseur bereits eine andere Ikone des Horrors ins Leben gerufen; oder wer erinnert sich nicht an den brandnarbigen Serienmörder namens Freddy Krueger mit Klingen an den Fingern? Nightmare on Elmstreet  (1984) zählt bis heute zu den bekanntesten Kult-Slasherfilme, neben John Carpenters Halloween (1978), und Sean S. Cunnighams Friday the 13th (1980) – und Cravens Scream hat sich sofort dazugesellt.

Ähnlich wie bei seinen Vorgängern, finden wir uns auch hier in einer amerikanischen Provinzgemeinde wieder. Der grauenvolle Tod von Barrymores Figur markiert den Startschuss zu einer ganzen Serie von Morden, die das Städtchen Woodsboro in Angst und Schrecken versetzt. Unter den aufgeschreckten Bewohnern treffen wir auf die Hauptfigur, Teenager Sidney (Neve Campbell), die seit einem Jahr versucht die Ermordung ihrer Mutter zu verarbeiten. Da hilft es nicht, dass mit dem ganzen Medienrummel Klatschreporterin Gale Weathers (Courtney Cox) wieder auftaucht, die bereits über den angeblichen Mörder von Sidneys Mutter berichtet hatte und sich nun auf den nächsten grossen Killerscoop stürzen will – mit Hilfe von Deputy Riley (David Arquette). Natürlich hat es Ghostface längst auch auf Sidney abgesehen und meuchelt sich zu ihr vor; einen massakrierten Teenager nach dem anderen hinter sich lassend.

Ja – der Plot klingt simpel und wie gefühlte 100-mal verfilmt. Die typischen Zutaten sind alle präsent: das suburban Setting, die abwesenden Eltern und die Vorstadtpolizei, die auf mehreren Ebenen immer ein paar Schritte hinterher hinkt. Dazu kommt die bekannte Teenie-Gruppenkonstellation: eine fast unscheinbare, sexuell inaktive Sidney als Final Girl (man bemerke ihren allerersten Auftritt im weissen, mit Blümchen gemusterten Nachthemd), ihre dafür umso aktivere beste Freundin Tatum (Rose McGowan), Sidneys cooler Freund Billy (Skeet Ulrich), Klassenclown Stuart (Matthew Lillard) und single-Nerd Randy (Jamie Kennedy). Aber Screams Erfolg liegt gerade eben darin, dass er nicht einfach an die Muster der zuvor genannten Slasher-Vorgänger anknüpft, sondern bewusst damit spielt und somit einen eigenen ironischen Metakommentar integriert.

„Horror movies are always about some big-breasted blonde who runs upstairs so the slasher can corner her (…) I hate it when characters are that stupid” sagt Tatum mal zu Sidney und schnell wird klar: das ist ein Film über Filme und die Figuren sind sich ihrem eigenen Dasein im Narrativ ziemlich bewusst. Fast durchgehend werden Film und Story geschickt selbstreflexiv aufgebrochen – inklusive Sätzen wie „Don’t say ‚I’ll be right back‘!“ sowie der Gebrauch eines Fernsehers als Abwehrwaffe, in dem vorher gerade noch Halloween lief.  Dem Publikum werden also nicht einfach Horrorklischees vorgetragen – im Gegenteil, man will danach die eigene „To-watch-Filmliste“ mit all jenen Werken ergänzen, denen Scream direkt oder indirekt zunickt (man achte sich bitte auch besonders auf den Hausmeister der High School).

Trotz Fun und Games bleibt Scream aber weiterhin dem Slasher-Genre treu und beliefert brav aufgeschlitzte Opfer inmitten der amerikanischen Vorstadtidylle. Den kitschigen Pastelltönen der Filmbilder wird Ghostfaces schwarzes Kostüm und das dunkle Blut auf seinem Dolch gegenübergestellt. Und obwohl sich der Schrecken klar nur in der Nacht bemerkbar macht, schleicht sich Unbehagen langsam aber sicher immer mehr in die absichtlich warmen, weich beleuchteten Tageszenen ein. Es lauert Sidney in der Mädchentoilette auf, atmet bedrohlich ins Telefon und treibt sie aus ihrem eigenen Haus. Schritt für Schritt spitzt sich die Situation zu, und gegen Ende gibt’s nochmals ein Fest an Blut und noch mehr Blut. Nur weil man sich dem Gore bewusst ist und mit Sätzen wie „Corn syrup, same stuff they used for pig’s blood in Carrie“ kommentiert, wird nicht automatisch darauf verzichtet. Somit trifft man sich zum blutigen, dennoch äusserst witzigen Finale wieder in einer Küche; diesmal mit einer etwas ausführlicheren Diskussion über die Essenz von Horrorfilmen, der Enthüllung des Killers und mit einer weiblichen Hauptfigur, bei der plötzlich nicht mehr ganz klar ist, ob sie jetzt nun ein Final Girl ist oder nicht. Denn wenn alle „Typen“ des Genres vertreten, aber die Karten bewusst neu gemischt werden, eröffnen sich neue Möglichkeiten…

In diesem Sinne – „Do you like scary movies?“

 

Alicia Schümperli


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