Kino immer anders


Regisseur und Archäologiestudent Andreas Elsener präsentiert uns in seinem Spielfilmdebüt eine Geschichte, wie sie das (Studenten-) Leben schreibt.

Uni, Familie und die angestrengt freie Liebesbeziehung zu Künstlerin Nicole schlauchen Jus-Studenten Alex. Den Stress der Uni, in dem man Ende Semester bekanntlich wie in einem schwarzen Loch zu versinken droht, ersetzt er dann eines Abends unfreiwillig, weil ihn sein Mitbewohner aus der Wohnung verbannt, durch den Sog des Zürcher Nachtlebens.

Das Bild des typischen Jus-Studenten, der im frischen weissen Hemd zur Uni geht, aus der Sicht eines Nicht-Jus-Studenten, beginnt schnell zu zerfliessen. Alex lässt sich vom Strudel der Nacht, ihrer Möglichkeiten, Menschen und Magie mitreissen. Er trinkt, was man ihm anbietet, Raucht, was ihm gereicht wird. Ihm wird die Zukunft vorausgesagt. Er wird überfallen, gerettet, belehrt, angemacht, um schliesslich an eine Homeparty mitgeschleift zu werden.

Je mehr um ihn herum passiert, desto mehr wünscht man sich die seltenen stillen Aufnahmen. Wie wenn er am Anfang des Films auf ein Tram wartet. Er wird in einer Totale durch die Scheibe des Wartehäuschens gerahmt und in die Mitte des geometrischen Bildes gesetzt, was den eigentlich gross gewachsenen plötzlich klein, fast hilflos macht. In diesem hilflosen Warten wird die Passivität des Protagonisten deutlich. Sie steht nämlich in einem krassen Gegensatz zu der  konstanten Bewegung, in der Alex sich befindet, in diesem unaufhaltsamen Fluss an Ortswechseln, Begegnungen und Aktionen, die er aber nicht navigieren kann.

Gleichzeitig bietet die Geschichte einen spürbar männlichen Blick. So verbringt Alex viel Zeit damit, Frauen – insbesondere einer mysteriösen Frau in Rot – nachzustarren. Und auch die anderen Männer haben eine offensichtlich patriarchale Weltsicht. So erzählt ihm ein Betrunkener, dass die Frauen der Ursprung allen Übels seien. Das mag in Alex’ Fall sogar stimmen, aber sie sind halt auch der Ursprung alles Guten. Denn er initiiert gar keine Handlung, sondern lässt sich von allen anderen Figuren, meist Frauen, mitziehen und führen, bevor er zum Schluss zugeben kann, eigentlich eine traditionelle Mann-Frau-Beziehung zu wollen. Diese Passivität des Protagonisten, der sich doch eigentlich nach Bogart und Belmondo einreihen sollte, widerspricht der stark männlichen Sicht der Narration und revidiert diese.

Der Film versucht, ein Lebensgefühl junger Menschen, Studenten einzufangen und man kann sich freuen, dass er aus der reinen Eigeninitiative seiner Macher umgesetzt wurde. Die vielen Zitate an grosse Werke der Filmgeschichte, wie der nachgestellte Film Noir, den Alex im Kino vorgeführt bekommt oder die Amerikanerin Nicole, die mit ihrem Kurzhaarschnitt Patricia aus Godards A bout de Souffle nachempfunden ist, zeigen die Freude am Film und seiner Geschichte.

Von einem jungen, unabhängigen Film, der sich gewissermassen in einer Tradition der Nouvelle Vague sieht, hätte ich mir aber noch etwas mehr Mut gewünscht. Mut zu Auslassungen und Mut zu experimentieren, in Narration oder Bild. Denn die Erzählung bleibt klassisch, in sich geschlossen, und tendiert zusammen mit dem Dialog dazu zeitweise sehr erklärend zu sein. Mut weniger zu erzählen, dafür die gezeigten Momente und ihre Emotionen ausspielen zu lassen. Mut, sich vielleicht auf diese eine titelgebende Nacht zu konzentrieren.

Denn wer kennt sie nicht, die Magie der nächtlichen Begegnungen, Liebeserklärungen, Kämpfe, Freudensprünge, Tränenbäche, Pläne, Gespräche, Ideen, Versprechungen… Diese filmreifen Szenen, die nur mitten in der Nacht geschehen können, wenn die Zeit keine Rolle mehr spielt, und die Welt nur noch auf dieser einen Strasse zwischen El Dorado und Helvetiaplatz zu existieren scheint. Umso schöner also, dass der Film genau dort zu sehen ist.

Hélène Hüsler

SPIELDATEN:

Jeweils im RiffRaff:

24 Mai 23:15 Uhr (Premiere)
3 Juni 23:15 Uhr
14 Juni 20:45 Uhr
24 Juni 16:00 Uhr

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