In den letzten Jahren hat sich Werner Herzog zu einer Art Internet-Phänomen entwickelt: Er hat unter anderem dank seines eigenen Instagram-Accounts das Interesse des breiten Publikums an seinem vielfältigen Œuvre, das sich über sieben Jahrzehnte (!) erstreckt – und noch immer wächst –, (wieder)geweckt. In Encounters at the End of the World, der 2007 erschien, reist Herzog in die Antarktis, zumindest eines der Enden der Welt, um die Arbeiter*innen zu interviewen, die sich dort – vordergründig – der Wissenschaft über diese fremdartige Umgebung widmen. Wir begegnen schrulligen Charakteren, die sich alle an der McMurdo-Station versammelt haben: Einige hat es dorthin gezogen, andere sind gestrandet, viele scheinen sich dort zu Hause zu fühlen, und mindestens einer hat schreckliche Angst vor dem, was er in den Gewässern unter dem Eis erblickt hat. Unterwegs nehmen Herzog und sein Team sowohl verstörende als auch erhabene Aufnahmen des unterirdischen Ökosystems der Antarktis sowie der sonnendurchfluteten Eiswüsten auf, die sich dem Publikum tief ins Gedächtnis einbrennen werden.
Mit Encounters bekräftigt Herzog, dass die von ihm geschaffenen Fiktionen und das Leben mindestens gleichermassen seltsam sind. Der wiedergegebene Arbeitsalltag umfasst alles vom Stinknormalen (Gabelstaplerfahren) und dem Kuriosen (Tauchen nach Lovecraftschen Schrecken) bis hin zum wohl Wahnsinnigen (wiederholtes Annähern an antarktische Vulkane, gekleidet in Tweed). Mit einer für ihn typisch eigenwilligen und höchst subjektiven Narration, die das Publikum spalten dürfte, bringt Herzog seine Perspektive mit derjenigen der einzigartigen (nicht-)menschlichen Figuren, die er vor die Kamera holt, in Resonanz: Wir alle tragen eine gewisse Verrücktheit in uns, und wenn wir an die Grenzen dessen gehen, was wir wissen oder uns überhaupt vorstellen können, finden wir vielleicht eine wortlose Magie, die das Kino für einen kurzen Moment zu fassen vermag. Zumindest wenn wir Werner Herzog heissen.
Shuting Ling