Kino immer anders


In einer Wohnung in Brüssel (der Titel ist zugleich die Adresse) lebt die Witwe Jeanne Dielman mit ihrem Sohn. Während er in der Schule ist, putzt sie die Wohnung, schält Kartoffeln, kocht Kaffee, macht das Bett, geht einkaufen und geht nachmittags der Sexarbeit nach, um sich etwas dazuzuverdienen. Über drei Tage hinweg beobachten wir diesen Alltag – bis Jeanne Dielman versucht, sich daraus zu befreien.

Im Jahr 2022 setzte das Magazin „Sound & Sight“ diesen Film auf Platz eins seiner Liste der besten Filme aller Zeiten. Chantal Akerman zeigt uns über drei Stunden lang nichts anderes als den Alltag einer Frau und die damit verbundenen sich wiederholenden und entfremdenden Hausarbeiten. Durch eine radikale Ästhetik des Alltäglichen erhalten alle Aufgaben, die Dielman im Laufe eines Tages erledigt, dieselbe Bedeutung wie sie sonst nur Action- oder Liebesszenen zugeschrieben wird. Lange, statische Einstellungen ohne grosse Aufregung beleuchten die starre Rolle der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft. Selbst Jeannes versuchter Akt der Rebellion bietet keine Befreiung aus dem System.

Jérôme Bewersdorff


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