Kino immer anders


In einer Lokomotivenfabrik im zaristischen Russland existieren die Arbeiter so austauschbar wie die Maschinen, die sie bedienen. Dabei werden sie von Spitzeln überwacht, durch Quoten ausgepresst und von ihren Vorgesetzten mit Verachtung behandelt. Als ein Arbeiter zu Unrecht des Werkzeugdiebstahls beschuldigt wird und sich in seiner Verzweiflung das Leben nimmt, bricht auf dem Fabrikboden ein Aufstand aus. Was folgt, ist eine Anatomie kollektiven Handelns, eine Studie über Revolution und ihre inneren Widersprüche: die schleichende Infiltration durch Provokateure, die Zermürbung durch Hunger und häuslichen Druck, und schließlich ein militärisches Niederschlagen von erschreckender Brutalität.

Mit 26 Jahren und frisch vom Proletkult-Theater kommend, überträgt Eisenstein sein Theater der Attraktionen direkt ins Filmmedium und setzt Mehrfachbelichtungen, radikale Kamerawinkel und dialektische Montage ein, um die Sinne des Zuschauers anzugreifen, anstatt bloss zu erzählen. Das berüchtigte Finale des Films montiert das Massaker der Kosaken an den Streikenden mit Aufnahmen der Schlachtung eines Bullen, eine der berühmtesten und prägendsten Montagen des frühen Kinos. Ursprünglich als Teil eines unvollendeten Sieben-Filme-Zyklus mit dem Titel Zur Diktatur des Proletariats konzipiert, trägt die Niederlage der Arbeiter im Film, heute nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion betrachtet, ein historisches Gewicht, das Eisenstein nicht ahnen konnte.

Tonino Huser


Weitere Filme in diesem Zyklus