Soleil Ô verkörpert den Kern des Programmzyklus dieses Semesters. Med Hondo schafft ein dramatisiertes Manifest über die Lebensbedingungen afrikanischer Arbeiter*innen im Frankreich der 1960er Jahre. Als Doku-Fiktion, die mit Interviews und theatralische Darbietungen verwoben ist, folgt Soleil Ô Robert Liensol. Er fungiert als eine Art Guide und ermöglicht es dem Publikum die rassistische Diskriminierung mitzuerleben, der diese Arbeiter*innen damals ausgesetzt waren. Der Film deckt auf eindringliche Weise die vielfältigen Formen kapitalistischer Ausbeutung gegen Ende der französischen Kolonialzeit auf, ein Thema, welches bis heute nichts von seiner Relevanz verloren hat und das in einem Programm, das sich mit Arbeits befasst, nicht fehlen darf.
Bei seiner Ankunft in Paris streift Robert Liensol als „Der Besucher“ durch die Stadt, auf der Suche nach Arbeit. Da er an allen Werkstätten sofort abgewiesen und aus jedem Innenhof hinausgeworfen wird, noch bevor er überhaupt die Chance hat, das Wort zu ergreifen, wird schnell deutlich, wie tief der Rassismus gegen Immigrant*innen und Schwarze in dieser Gesellschaft verwurzelt ist. Wir begleiten ihn durch seinen Kampf um eine sichere Unterkunft in einer Stadt, die seine blosse Existenz auslöschen würde, wenn sie es denn könnte, durch seine Erfahrungen mit chauvinistischen französischen Gewerkschaften und durch die Fetischisierung, der er in seinen kaum romantischen Beziehungen ausgesetzt ist. Trotz seines extrem geringen Produktionsbudgets schafft es Soleil Ô, das Publikum an den Bildschirm zu fesseln, während der Film all das offenlegt, was im Frankreich der 1960er Jahre falsch lief.
Nicolas Pommerell