Kino immer anders


Was ist beängstigender: jeden Tag einer starren Routine nachzugehen, in der jede Person ihren Platz kennt oder diese Routine jäh umgestürzt zu sehen, weil der Mann, Ehemann, Vater und “Salaryman” seinen Job verliert? Als Ryuhei Sasaki, der Patriarch aus Tokyo Sonata, eines Tages das Büro das letzte Mal verlässt, gerät die vierköpfige Familie Sasaki und ihr gutbürgerliches Leben durch dieses unfreiwillige “quiet quitting” aus ihren Fugen. In diesem Vorpreschen in das Genre des Familiendramas stellt sich der Horrorregisseur Kiyoshi Kurosawa vor, was hinter dem Verlust des Jobs lauert in einem Land, das sich im eisernen Griff des männlichen Ernährermodells befindet.

Kurosawas Welt ist von Ungewissheit und Distanz geprägt, die sich in der Palette gedämpfter Farben und in der Kameraposition spiegeln. Diese Haltung der Abwesenheit durchdringt die japanische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit: Einer ist mit dem nächsten austauschbar und deine subalterne Existenz lässt sich mühelos durch eine andere ersetzen. Die Einsamkeit dieses individualistischen Systems, besonders in Megastädten wie Tokio, nimmt Bezug beim J-Horror, einem Genre, das der Regisseur mit so bedeutenden Werken wie Cure und Pulse mitbegründet hat. Vorherrschend ist die Unfähigkeit, angesichts von etwas Grösserem als man selbst zu reagieren, und das Ergebnis sind die trägen Bewegungen der Protagonisten, die sich «in Reih und Glied» dahinschleppen, getrieben von der Zufälligkeit der Verzweiflung einer Familie. Kurosawa liefert eine der besten Darstellungen des japanischen Arbeits- und Gesellschaftssystems des Jahrhunderts.

Shuting Ling & Pietro Grisanti


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