Kino immer anders


Der Film spielt im Peking der frühen 2000er Jahre im “Beijing World Park” – einem Freizeitpark voller Miniaturmodelle berühmter Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm, der Sphinx und der Skyline von New York. Tao, eine Arbeiterin vom Land, arbeitet hier als Tänzerin und ist mit Taishen zusammen, dem Sicherheitschef des Parks. Auf der Bühne glänzt Tao in wunderschönen Kleidern unter dem Scheinwerferlicht. Doch ihr müder und leerer Blick ausserhalb der Arbeit, mit dem sie auf die „Scheinwelt“ des Parks blickt, zeigt eine tiefe Einsamkeit. Diese kommt von ihrer Distanz zu Taishen und dem erstickenden Gefühl, in einer künstlichen Welt gefangen zu sein, egal wie hart sie arbeitet. Ihre Trauer wächst, als sie erfährt, dass eine russische Tänzerin – eine Kollegin, mit der sie sich angefreundet hatte – in die Sexarbeit gerutscht ist. Doch ihr Pech endet dort nicht. Als sie die Hochzeit einer anderen Kollegin besucht, entdeckt Tao zufällig, dass Taishen eine Affäre mit einer verheirateten Frau hat.

In seiner gesamten Karriere hat sich Jia Zhangke immer auf einfache Menschen konzentriert, die von der rasanten und massiven Entwicklung Chinas hin- und hergerissen werden. In einem Peking, das sich auf die Olympischen Spiele vorbereitet und sich durch die Globalisierung schnell verändert, träumen diese jungen Arbeiter*innen von der Welt da draussen, haben aber nicht einmal einen Reisepass. Es ist zutiefst ironisch, dass sie ausgerechnet in einem Freizeitpark arbeiten, der komplett aus billigen Miniaturen besteht. In der Mitte des Films stirbt ein junger Arbeiter bei einem Unfall, der durch Überarbeitung verursacht wurde; er wird als ein unbedeutendes Individuum dargestellt, das von der Gesellschaft und ihren Institutionen zerdrückt und weggeworfen wird. Während The World allgemein in Jias Filmografie durch die enorme Kraft seiner Bildsprache heraussticht, ist einer der faszinierendsten Momente die Plansequenz bei Sonnenuntergang. Hier spricht Tao kurz vor seinem Tod mit dem jungen Mann auf der Baustelle, während hinter ihnen am Himmel ein riesiges Flugzeug vorbeizieht. Wie in dieser Szene deutlich wird, nutzt Jia die Bildtiefe meisterhaft, um zwei Seiten der modernen chinesischen Gesellschaft einander gegenüberzustellen.

Takumi Tachibana


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